ZEIT ONLINE: Wie lebt es sich als muslimischer Student in einem Land, das gerade per Volksabstimmung den Bau neuer Minarette untersagt hat? Werden Sie mit Vorurteilen konfrontiert?

Ibrahim*: Wenn ich auf meine bisherige Zeit an der Uni zurückschaue, kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Aber ich bin auch niemand, der seine Religion zur Schau stellt, das ist meine Privatsache. Daher nehmen mich die Kommilitonen wohl auch eher nicht als Moslem wahr. Manche sind aber doch irritiert oder befremdet, dass ich als rational-aufgeklärter Student einer Religion folge und dann auch noch einer, die vielen als "rückständig" gilt. Das bemerke ich in Gesprächen schon, das ist aber eher unterschwellig. Direkt gesagt hat mir das noch niemand.

ZEIT ONLINE: Können Sie Ihre Religion an der Uni ausleben?

Ibrahim: Mein Gebet habe ich am Anfang des Studiums während des Tages nicht gemacht, sondern die Gebete zu Hause nachgeholt. Dann haben ein muslimischer Kommilitone und ich die Uni-Verwaltung gefragt, ob wir den christlichen Andachtsraum mitbenutzen könnten. Das ging ohne Probleme. Der Raum wurde dann aber aufgelöst. Eine Zeit lang haben wir tatsächlich ab und zu im Archiv im Keller gebetet, denn da verirrt sich normalerweise niemand hin. Irgendwann kam aber doch mal jemand in den Keller und hat sich fürchterlich über uns erschrocken. Jetzt benutzen wir den Musiksaal, wo nur ab und an mal jemand Klavier übt. Das Gebet dauert ja auch nur 15 Minuten, und wir sind nur vier oder fünf Leute.

ZEIT ONLINE: Welche Bedeutung hat Ihre Religion für Sie?

Ibrahim: Die Menschen denken oft, das Leben der Muslime sei durch ihre Religion bestimmt, aber so einfach ist es nicht. Die Religion gibt mir Gewissheit für das Diesseits und Jenseits, Stabilität und Ruhe. Das sind elementare Dinge im Leben eines Menschen. Ich bin in Pakistan geboren und mit fünf Jahren in die Schweiz gekommen. Meine Eltern sind religiös, aber liberal. Die Grundlagen der Religion habe ich zu Hause gelernt, ich war nie an eine Moschee gebunden. Vor allem meine Großeltern haben regelmäßig gebetet, aber es gab keinen Druck von den Eltern auf mich. So hatte ich die Möglichkeit, mich selbst frei für die Religion zu entscheiden.

ZEIT ONLINE: Beschränkt Ihr Glaube Sie mitunter in Ihrem Alltag?

Ibrahim: Meine Religiosität ist pragmatisch. Als ich beim Schweizer Militär war und der Ramadan in die Dienstzeit fiel, habe ich natürlich nicht gefastet. Ich weiß von einem Juden im Militär, der sich sogar sein koscheres Essen hat importieren lassen und ganz strikt in seiner Glaubensausübung war. Die Gemeinschaft hat ihn natürlich überhaupt nicht akzeptiert. So wäre es auch mir ergangen, hätte ich mich nicht angepasst.

ZEIT ONLINE: Ist das Minarett-Verbot ein Thema an der Uni?

Ibrahim: Genauso wie andere aktuelle Themen auch. Man redet darüber, aber die Diskussion läuft ja ohnehin seit drei Jahren. Ich habe an der Uni nichts davon mitbekommen, dass irgendjemand mit dieser Initiative gegen die Minarette sympathisiert hätte.

ZEIT ONLINE: Ist das Klima an der Uni denn ein anderes als im Rest des Landes?