Zwischen Dönerbuden, Discount-Bäckern und Cocktailbars liegt eine letzte Bastion der Gemütlichkeit auf dem Kölner Campus. Bei Oma Kleinmann heißt die Kneipe, wo Wildtrophäen und alte Familienfotos an den Wänden hängen und die Holzvertäfelung von 1949 stammt. Sauerbraten vom Pferd gibt es hier zu essen, Klöße, Schnitzel und Gänsebraten, wenn man ihn vorbestellt.

Seit der Nachkriegszeit stand Wirtin Paula Kleinmann hinter dem Tresen und gab Generationen von Kölner Studenten das, was man vermisst, wenn man zum Studium in eine fremde Stadt zieht: Das Gefühl von zu Hause. Letzten Samstag ist Kleinmann, die viele nur "die Oma" nannten, gestorben.

In Köln sind viele traurig, dass die legendäre Wirtin nicht mehr da ist. Die Lokalmedien erzählen noch einmal ihre Lebensgeschichte und feiern Kleinmann als große Bürgerin ihrer Stadt. Studenten posten Beileidsbekundungen auf Facebook. "Sie war 95 Jahre alt. Hat aber bis zum Schluss jeden Tag 25 Kilo Kartoffeln geschält. Immer mit demselben Messer!", schreibt einer. Ein anderer hat ein Video einer weiteren Kölner Lokalheldin gepostet, der Sängerin Trude Herr. "Niemals geht man so ganz", heißt das Lied, das eigentlich von einer gescheiterten Liebe erzählt. Doch ein wenig passt es auch zu Oma Kleinmann.

Wie wurde die Kneipenwirtin zu einer lokalen Institution, der viele Stammgästen manchmal ein halbes Jahrhundert die Treue hielten? Vielleicht ist es eine Mischung aus gutem Herzen und Geschäftstüchtigkeit. "Sie hat nach dem Zweiten Weltkrieg die Kölner Studenten durchgefüttert", sagt Heinz-Joseph Richter, 75, der damals Wirtschaft in Köln studierte. Er sagt: "Die armen Studenten und Schüler der Nachkriegszeit haben Oma Kleinmann viel zu verdanken."

Was an Stullen übrig blieb, verteilte die Wirtin nach Mitternacht kostenlos an arme Pennäler. Und sie erfand eine Art Theken-Umlageverfahren, von dem arme Studenten profitierten. Wohlhabenden Kunden mit großem Durst knöpfte sie etwas mehr Geld ab. Den Studenten schenkte sie warme Socken und manchmal sogar etwas Geld. "Das allerdings musste man sich erst verdienen", sagt der Kölner Journalist Helmuth Frangenberg, der ein Buch über Kleinmann geschrieben hat. "Geld gab es nur, wenn der Student es zuvor bei mir versoffen hatte", habe sie immer gesagt.

In den vergangenen Jahren mischte sich die berühmte Wirtin kaum noch unter die Gäste, war ihnen aber trotzdem nah. Der neue Pächter ließ sie weiterhin in den Räumen hinter der Kneipe wohnen, wo sie schon seit Kriegsende lebte. Wenn sie wusste, dass Stammgäste da waren, orderte sie diese per Briefchen zu sich, um gemeinsam Sekt zu trinken. Und an Aschermittwoch erschien sie so zuverlässig wie der Papst zur Osterpredigt. Dann hielt sie stets eine Rede zur "Nubbelverbrennung", ein Brauch, bei dem die Kölner zu Ende der Karnevalszeit eine Strohpuppe verbrennen. Die Gäste feierten sie.

Noch vor ein paar Wochen habe sie fleißig Kartoffeln in Räumen hinter der Kneipe geschält, um der Küche wenigstens ein bisschen zu helfen, erzählt einer der Wirte. Sie habe wirklich immer mit demselben Messer gearbeitet. "Es war schon ganz stumpf, aber ein anderes wollte sie nicht." Bei ihrem 95. Geburtstag im August soll sie gesagt haben: "Es gibt ein Leben nach dem Tod." Hoffentlich gibt es im Himmel ordentliche Stullen.