Bei über 2000 Umdrehungen knattert es. Mit dem Keilriemen scheint auch irgendetwas nicht in Ordnung zu sein. Es ist 7.30 Uhr. Eine zarte Smogschicht legt sich auf den neuen Tag. Wenn man die Nase zuhält und die Kopfschmerzen ignoriert, könnte man das ganze Gift in der Luft für Morgennebel halten. Wenzel Waldstein, 23-jähriger Medizinstudent aus Heidelberg, ist auf dem Weg zur Werkstadt in einem Vorort der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Geschickt steuert er das Motorrad an Schlaglöchern, Hunden, Obdachlosen und Polizisten vorbei.

Schon zum neunten Mal ist Wenzel in Äthiopien. Nach dem Abitur arbeitete er hier als freiwilliger Helfer in mehreren Waisenhäusern. Er traf Mädchen, die spätestens mit 18 Jahren auf der Strasse, in der Prostitution oder im Grab landeten, manchmal auch alles nacheinander.

Viele der jungen Frauen hier infizieren sich mit dem HI-Virus, erkranken an Aids, bringen Kinder zur Welt und sterben früh. Wie schon ihre Mütter hinterlassen auch sie Waisen. Diesen Kreislauf wollte Wenzel unterbrechen. Er gründete mit seinem älteren Bruder Moritz Waldstein den gemeinnützigen Verein Project-E und forschte nach, was Unternehmen in Addis Abeba brauchen. Vor allem gut ausgebildete Geschäftssekretärinnen, kam dabei heraus.

Sie beschlossen also, eine Schule für Sekretärinnen zu gründen und fuhren ziemlich spontan 2007 gemeinsam nach Äthiopien, sprachen mit Regierungsvertretern, regionalen Unternehmen und ansässige NGOs. Vor jedem Termin losten sie aus, wer den Investor aus Europa spielen durfte und wer den Assistenten. Nach zwei Wochen hatten sie eine Partnerorganisation, ein Grundstück, jede Menge Kontakte und immer noch eine unstillbare Euphorie.

Die Fahrt zur Werkstatt geht weiter. Ein paar verlumpte Gestalten versuchen im Gras des Mittelstreifens zu schlafen. Die Autos pusten ihnen Abgase ins Gesicht. Wenzels Handy gibt einen Ton von sich. Es ist eine SMS von einem Waisenmädchen aus dem Haus, für das er vor Jahren arbeitete. Murmi hat sich in ihn verliebt. Sie denkt, dass Wenzel sie heiratet und mit ihr am Wiener Rathausplatz Apfelstrudel isst. Sie wären so glücklich zusammen, glaubt sie. "Das macht mir etwas zu schaffen", sagt er. Aber nach zehn SMS pro Tag nerve es auch ein wenig.

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Nach der Rückkehr aus der Werkstatt und einigen Einkäufen will Wenzel eine Pause in einem Café machen. Er überlegt immer sehr genau, wenn er redet. Manchmal schleichen sich in seine Sätze Phrasen ein: "Kompetenzbereich", "120 Prozent", "echt unprofessionell". Dann nippt er an seiner Tasse, guckt ins Leere und erzählt, wie er sich unglücklich verliebt hat. Das konnte er ja gar nicht gebrauchen. Er musste Lehrer einstellen und Verträge schreiben.

Wenzel hofft, dass die Unternehmen, in denen die Sekretärinnen nach Abschluss ihrer Ausbildung arbeiten, in seine Schule investieren. Geld verdienen will er auch mit Fortbildungsprogrammen. Und die Absolventinnen sollen ein bisschen Geld in die Ausbildung ihrer Nachfolgerinnen stecken, wenn sie verdienen. "In fünf Jahren wollen wir unabhängig sein vom Geld aus Europa."