ZEIT ONLINE : Sie beraten an der Universität Heidelberg Studenten mit seelischen Problemen. Wie kommen eigentlich die besonders Ambitionierten mit der Studienreform klar?

Rainer Holm-Hadulla : Für Studierende, die in der Lage sind, selbstgesteuert zu lernen und dies aus eigener Motivation heraus tun, ist die Überstrukturierung der neuen Studiengänge ein großes Problem. Es mangelt an Freiräumen zum Nachdenken und zum selbständigen Problemlösen. In der Kreativitätsforschung sind sich Neurobiologen, Psychologen und Kulturwissenschaftler einig: Optimale Resultate ergeben sich im Zusammenspiel aus freiem Denken ohne Vorgaben und strukturiertem Wissenserwerb. Insofern sind acht Stunden Pflichtprogramm kontraproduktiv. Zudem senken zu viele Prüfungen die Motivation, sich auf die fachlichen Themen aus eigenem Interesse einzulassen. Prüfungen sind wichtig, aber sollten nicht zum Selbstzweck werden.

ZEIT ONLINE : Warum sind Freiräume zum Nachdenken so wichtig?

Holm-Hadulla : Ein Studium dient nicht nur dazu, Wissen zu erwerben, sondern soll auch zum selbständigen Denken befähigen und zur Neukombination erlernter Informationen. Alle Studien zeigen, dass kombinatorisches Denken am besten ohne Zeitdruck und äußere Ablenkungen funktioniert. Wenn sich jemand an einem verschlafenen Nachmittag in der Bibliothek durch ein Buch quält, und immer mal wieder aus dem Fenster schaut und seine Gedanken schweifen lässt, ist das keine verlorene Zeit, sondern von großer Bedeutung. Wenn wir ruhig, gelassen und ziellos nachdenken, sind ganz andere Hirnareale aktiv als wenn wir konzentriert denken. Diese Areale, die man Assoziationskortex nennt, sind ebenso wichtig wie die Areale, die beim konzentrierten Denken aktiv sind.

ZEIT ONLINE : Wie wirkt sich ein stark verschultes Studium auf die Motivation besonders wissbegieriger Studenten aus?

Holm-Hadulla : Wir unterscheiden zwischen intrinsischer Motivation, dem Interesse an der Sache selbst, und extrinsischer Motivation, also zum Beispiel der Belohnung durch Credit Points. Es ist eigentlich ganz einfach: Erhöht man letztere, sinkt die erstere. Es ist vollkommen unsinnig, acht Stunden Pflichtveranstaltungen am Tag abzuhalten und dafür Punkte zu vergeben. Damit erschwert man das selbständige Arbeiten und die Entwicklung verantwortlicher Intellektualität. Das beeinträchtigt übrigens auch die Produktivität und Kreativität der Professoren.

ZEIT ONLINE : Viele entdecken erst im Studium neue Interessen und vielleicht sogar Begabungen.