Helden und Schurken – Seite 1

Frage: Herr Schawinski, von 2003 bis 2006 waren Sie Geschäftsführer von Sat.1. Kurz vor Ihrem Antritt sagte Harald Schmidt in seiner letzten Sat.1-Show über Sie: "Der wird eine Show machen mit dem Titel Nur die Kasse zählt." Hatte Schmidt recht?

Roger Schawinski: Überhaupt nicht. Harald Schmidt hat das gesagt, ohne mich zu kennen. Ich bin in erster Linie Journalist, habe aber natürlich den wirtschaftlichen Aspekt nie außer Acht gelassen, weil ich auch Unternehmer bin. Mir ging es bei Sat.1 darum, Qualitätsfernsehen zu machen, das auch wirtschaftlich erfolgreich ist. Natürlich waren mir gute Einschaltzahlen wichtig – aber ich war nicht bereit, die Quote zum Maß aller Dinge zu erheben und sämtliche inhaltlichen und qualitativen Kriterien auszublenden.

Frage: Was unterscheidet Sie von Helmut Thoma, dem ehemaligen RTL-Chef, der sagt: "Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler"?

Schawinski: Herr Thoma hat keine moralischen Kriterien, ihm ist es egal, woraus der Köder besteht. Sein Motto lautet: "Solange legal ist, was wir tun, können wir senden, was wir wollen." Ich habe aber gewisse Köder für mich ausgeschlossen. Wenn etwas zwar legal ist, aber nach meinem Gefühl Prinzipien der Humanität verletzt, würde ich es nicht senden.

Frage: Trotz dieser hehren Grundsätze – Sie sind vor allem als jemand in Erinnerung geblieben, der den Jahresumsatz von Sat.1 von 4 Millionen auf 204 Millionen gesteigert hat.

Schawinski: Das ist doch großartig! Andere haben auf Qualität und ethische Prinzipien verzichtet, während ich diesen schwierigeren Weg gewählt habe, der sogar wirtschaftlich erfolgreich war. Das macht mich stolz. Es ist klar, dass wir nicht das gesamte Programm umgekrempelt haben, aber wir haben viele kleine Schritte in Richtung Qualität gemacht, die Zuschauer gefordert, aber nicht überfordert. Natürlich ist nicht alles geglückt: Schön wäre gewesen, wenn so eine Sendung wie Blackout, die unser ambitioniertestes Projekt war und von der Presse hoch gelobt wurde, auch beim Publikum Erfolg gehabt hätte. Das war leider nicht der Fall.

Frage: Blackout war ein anspruchsvoller Krimi-Vierteiler, mit differenzierten Charakteren und komplexer Handlung. Von den Kritikern vorab gepriesen, fiel die Sendung bei den Zuschauern aber völlig durch. Wie konnte Ihnen das passieren?

 Das Fernsehen bietet nur noch holzschnittartige Darstellungen an

Schawinski: Wir haben die Macht der Sehgewohnheiten unterschätzt. Das heutige Fernsehen zeigt nur einfache Charaktere. Es gibt nur Schwarz oder Weiß – man ist gut oder böse, hilfsbereit oder geldgierig, ehrlich oder verlogen undsoweiter. Durch solche holzschnittartigen Darstellungen hat man den Zuschauern abgewöhnt, sich mit komplexerer Dramaturgie auseinanderzusetzen. Und wenn dann mal etwas Differenzierteres angeboten wird, sagt das Publikum: "Zu kompliziert! Wenn ich nicht nach drei Minuten weiß, wer der Gute, wer der Böse ist, dann schaue ich nicht mehr weiter!"

Frage: Sie haben die restlichen Folgen sofort auf eine spätere Sendezeit verlegt, als sich zeigte, dass die Quoten nicht stimmten.

Schawinski: Ja, aber ganz freiwillig geschah das nicht. Der Druck aus den Führungsetagen in München war ziemlich heftig. Dort hieß es: "Jetzt haben wir soviel Geld ausgegeben für diese Sendung, und nun macht sie uns den Sonntagabend kaputt!" Das war dann einer der Gründe, weshalb mich das Gefühl beschlich, dass meine Zeit bei Sat.1 zu Ende ging.

Frage: Sie sind gescheitert?

Schawinski: Nein, im Gegenteil. Ich glaube, das waren die drei besten Jahre für Sat.1 – nicht nur kommerziell, sondern auch in Bezug auf Image und Prestige. Und schauen Sie mal, was seither mit Sat.1 passiert ist. Das ist ja nicht durchweg eine erfreuliche Geschichte.

Frage: In Ihrem Buch Die TV-Falle beschreiben Sie die enorme Bedeutung der Quoten: Jeden Morgen riefen Sie als erstes die Einschaltquoten des Vortages ab und von den Ergebnissen hing ab, ob die Stimmung im Sender gut oder schlecht war. Wie ernst konnte es Ihnen dann mit der Qualitätsoffensive sein?

Schawinski: Ich schaue jetzt noch, nach drei Jahren, jeden Morgen die Quoten an, das steckt immer noch in mir. Die Quote ist spannend, sie zeigt unmittelbar, ob die eigenen Ideen funktioniert haben. Denn wenn man mit großem Aufwand eine Sendung macht, die niemand anschaut, ist man gescheitert. Man kann das dann nicht auf das vermeintlich dumme Publikum schieben. Im Rahmen meines Konzepts, mit meinen Inhalten habe ich versucht, die höchstmögliche Quote zu erreichen, also so viele Menschen wie möglich anzusprechen.

 Gewisse Projekte abgelehnt

Frage: Ihr Buch liest sich ein wenig wie das Dokument einer Schizophrenie: Auf der einen Seite fordern Sie permanent Qualität, doch auf der anderen Seite müssen Sie immer wieder feststellen, dass sogenanntes Qualitätsfernsehen in Deutschland nicht funktioniert, dass Sendungen schnell verlegt oder wieder abgesetzt werden.

Schawinski: Das ist nicht schizophren, sondern das sind verschiedene Zielsetzungen, zwischen denen man sich bewegen muss. Ich habe den Weg gewählt, ein möglichst erfolgreiches Programm mit einem für das Privatfernsehen möglichst hohen Standard zu machen und keine qualitativen Abstürze zu akzeptieren, wie sie andere Privatsender hinnehmen, damit die Quote stimmt. Und deshalb habe ich eben einfach gewisse Projekte abgelehnt. Das ist nicht schizophren, sondern konsequent.

Frage: Was haben Sie abgelehnt?

Schawinski: Zum Beispiel gewisse Reality-Shows. Damals gab es diesen Hype um The Swan, eine Show, in der Frauen sich per Schönheitsoperation runderneuern ließen. Das wurde mir auch angeboten, aber ich habe es aus ethischen Gründen abgelehnt. Meine Frau hatte mir gedroht, dass Sie sich sonst von mir scheiden ließe. Das war natürlich nicht ernst gemeint, aber es ist gut, wenn man eine Frau im Rücken hat, die einen bestärkt. Ein anderes Beispiel ist Big Brother. Als diese Show zwischenzeitlich für Sat. 1 in der Diskussion war, habe ich mich kategorisch geweigert, sie in das Programm aufzunehmen.

Frage: Bei anderen Formaten waren Sie weniger konsequent. Sie haben zum Beispiel Kämpf um Deine Frau und Mein großer, dicker, peinlicher Verlobter bei Sat.1 produziert und gesendet.

Schawinski: Beide Sendungen beurteile ich positiv. Kämpf um Deine Frau war eine Show, bei der es um ein echtes soziales Problem ging: Männer kämpfen um ihre Frauen. Wir hofften, damit auch einen Erkenntnisgewinn zu vermitteln. Die Zuschauer sollten sehen, dass eine kriselnde Beziehung nicht unbedingt abgeschrieben werden muss, sondern dass sie sich retten lässt. Wir dachten, dass die weiblichen Zuschauer es schätzen würden, wenn Männer um ihre Frauen kämpfen und sich nicht einfach so leicht geschlagen geben. Aber gerade bei den Frauen kam die Sendung nicht gut an. Sie haben diese Männer als Verlierer empfunden, als dicke, erfolglose Schwächlinge, und die Sendung dann nicht mehr angeschaut. Und Mein großer, dicker, peinlicher Verlobter war eine rein humoristisch gedachte Sendung, bei der es darum ging, dass eine junge Frau einen hohen Geldbetrag bekommt, wenn sie es schafft, ihre Eltern von einem völlig unattraktiven Heiratskandidaten zu überzeugen, der in jedes denkbare Fettnäpfchen tritt. Im Grunde wurde hier das Prinzip auf die Spitze getrieben, dass eine Frau, wenn es um Geld geht, offenbar vieles hinnimmt. Das hatte viel echte Situationskomik und hat mir sehr gut gefallen.

Frage: Die FAZ nannte das Ganze ‚white trash’, denn die Sendung sparte nicht mit Fäkalhumor und zynischen Witze über beleibte Menschen.

 Vorgetäuschte Realität war mir zuwider

Schawinski: Nein, das war kein "Trash". Es war vor allem unglaublich lustig. Zwar war der Verlobte ein Schauspieler, aber seine Ehefrau in spe nicht. Die Situationen waren nicht gestellt und obwohl viel Menschliches und Allzumenschliches zu besichtigen war, wurde niemand bloßgestellt. Das konnte man nur einmal machen, weil das Prinzip danach ja bekannt gewesen wäre. Schade eigentlich, weil das wirklich eine unglaublich tolle Sendung war.

Frage: Was genau bedeutet Qualität in der Unterhaltung denn eigentlich für Sie?

Schawinski: Es bedeutet, dass man Menschen nicht herabwürdigt, dass man keine Jurymitglieder einsetzt, mit dem Auftrag, die Kandidaten zu beleidigen. Dazu gehört auch, dass man Realität nicht vortäuscht oder Abläufe im Sinne der Scripted Reality vorarrangiert. Das war mir immer zuwider. Wir hatten dann in diesen Show-Bereichen auch dementsprechend weniger Erfolg.

Frage: Mit Star Search hatte auch Sat.1 eine Castingshow.

Schawinski: Ja, aber das gehörte noch in eine frühe Phase. Wir haben dort wirklich versucht, nach einigermaßen professionellen Kriterien vorzugehen. Die Zuschauerresonanz war nur mäßig. Um höhere Einschaltquoten zu erzielen, hätten wir das Ganze viel stärker inszenieren und eine prolligere Jury einsetzen müssen.

Frage: Sie hatten also noch den Anspruch, echte Stars zu schaffen?

Schawinski: Wir wollten mithilfe professioneller Kriterien den besten Künstler finden und nicht den schrillsten. Aber das ist es ja, was heute im Fernsehen zählt: Wer ist am schrillsten, wer bringt die höchste Quote? Ob jemand singen kann, ist eigentlich irrelevant. Man spielt sowohl den Teilnehmern als auch den Zuschauern etwas vor und simuliert einen Wettbewerb, der in Wirklichkeit gar nicht stattfindet. Dabei mitzumachen, hat mich nicht interessiert und oft auch abgestoßen.

 Rügen durch die Landesmedienanstalten gehören zum Prinzip

Frage: Dienen Fernsehanstalten als Starproduktionsmaschinen?

Schawinski: Eben nicht. Aus den Kandidaten werden keine Stars – bestenfalls Sternchen für einen kurzen Moment. Es ist den Fernsehanstalten auch egal, ob der "Superstar" nach der Staffel noch Erfolg hat. Vielleicht kann er noch ein bisschen daran verdienen, aber entscheidend sind die Quote, der Klamauk und die Inszenierung.

Frage: Angenommen, Sie könnten in der Zeit noch einmal zurückspringen und könnten Star Search wiederholen – würden Sie mehr inszenieren?

Schawinski: Nein, nur den Showcharakter erhöhen, ohne gewisse Grenzen zu überschreiten. Bohlen dagegen überschreitet bewusst Grenzen. Er hat, wie ich weiß, seine Sprüche im Voraus vorbereitet. Die entstehen nicht spontan, das weiß ich von einem seiner engsten Mitarbeiter. Über die Sprüche wird lange nachgedacht, dann werden sie notiert und im geeigneten Moment abgeschossen. So ein Vorgehen ist mir nicht sehr sympathisch.

Frage: 2008 beanstandete die Niedersächsische Landesmedienanstalt einige Folgen von DSDS und verhängte ein Bußgeld von 100.000 Euro über RTL.

Schawinski: Dann hat RTL genau das bekommen, was der Sender wollte, denn die Landesmedienanstalten sind Teil des Prinzips. Man geht immer an die Grenze, sucht den Skandal, versucht Krawall zu machen und wenn die Landesmedienanstalten dagegen einschreiten, hat man noch eine Schlagzeile mehr in der Zeitung. Das ist eine Methode zur Erzeugung von Aufmerksamkeit, die hervorragend funktioniert.

Frage: Wie bekommt man denn Spannung in eine Castingshow?

Der TV-Auftritt als höchstes erreichbares Ziel

Schawinski: Sowohl für Reality- als auch für Castingshows gilt: Es muss möglichst viel gescripted werden. Die einzelnen Kandidaten sind nur Rohmaterial, das "veredelt" wird. Man sucht die Ecken und Kanten – Zickenkrieg da, Tränen dort – und versucht, das zu inszenieren. Die Leute wissen weder, was mit ihnen während der Produktion der Sendung passiert, noch wie das Material später zusammengeschnitten wird. Doch sie sind bereit, ganz viel über sich ergehen zu lassen.

Frage: Deutschland sucht den Superstar gibt es seit 2002. In sieben Staffeln konnten die Zuschauer bisher sehen, wie es läuft. Die Kandidaten wissen doch eigentlich, worauf sie sich einlassen.

Schawinski: Nein, das ist falsch. Die Kandidaten sehen das nur von außen, können sich aber nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn es sie selbst betrifft. Die eigene erlebte Realität ist eine ganz andere als die, die man als Zuschauer wahrnimmt. Im Prinzip sind die Kandidaten lebendes, billiges, williges Sendematerial. Für einige mag es gut enden, aber für viele ist es kaum zu verarbeiten. Den Verantwortlichen in den Sendern ist es aber vollkommen gleichgültig, wie sich der Kandidat fühlt. Die Castingshows beruhen auf der Voraussetzung, dass die Leute, um ins Fernsehen zu kommen, sich auch zum Affen machen. Und das funktioniert, denn der Fernsehauftritt scheint das höchste der erreichbaren Ziele zu sein, besonders für junge Leute. Heidi Klum und Dieter Bohlen sind Idole, die Rollen-Modelle der jungen Generation. Zuschauer und Kandidaten lassen sich vom Glamour blenden, der verbreitet wird. Die dunklen Seiten dieser vom Fernsehen transportierten Rollenvorgaben sehen sie nicht.

Frage: Geld und Ruhm sind die klassischen Versprechungen des "American Dream". Aber zu diesem Mythos gehörte auch immer, dass der Weg dahin in Mühe und harter Arbeit besteht. Davon ist bei den Castingshows kaum die Rede.

Schawinski: Geld und Ruhm sind nicht nur der amerikanische, sondern ein universaler Traum. Die Castingshows versprechen eine schnelle Abkürzung dorthin. Doch die Leute erkennen nicht, dass der Moment des Glücks im Scheinwerferlicht schnell vorüber ist und dass oft weder Geld noch Ruhm auf sie warten, wenn die Scheinwerfer erloschen sind.

Frage: Glauben Sie wirklich, dass jeder, der sich in diese Schlange bei Deutschland sucht den Superstar einreiht – 2010 waren es fast 35.000 – ein Idiot ist, der die Produktionsmaschine nicht durchschaut hat?

Schawinski: Nein, sondern ein potentielles Opfer. Es gibt natürlich, gerade in Amerika und auch in England, einige Stars, die wirklich nachhaltig Erfolg hatten, wie Susan Boyle oder Kelly Clarkson. Aber gibt es solche Beispiele auch in Deutschland nach all den Jahren? Mir fällt niemand ein. Daniel Küblböck geistert ja nur als Klamaukfigur weiter durch die Medien, aber sicher nicht als Sänger. Die Auswahlkriterien sind hierzulande eben nicht professionell.

Die Öffentlich-Rechtlichen haben einen höheren Bildungsauftrag als die Privaten

Frage: Wieso werden unbedarfte Kandidaten von Casting- und Reality-Shows nicht vor sich selbst geschützt?

Schawinski: Weil die Sender kein Interesse daran haben. Es gibt zum Beispiel eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland sucht den Superstar und BILD. Da besteht eine echte Kooperation! BILD braucht Geschichten – und der Sender liefert sie, indem er im Privatleben der Kandidaten wühlt: "Hm, sagen Sie mal, hat diese Kandidatin da nicht eine tote Zwillingsschwester ?" Mit solchen Geschichten, die dann für die Kandidaten sehr unangenehm sein können, kommt man in die Zeitung. Und das wiederum verschafft der Sendung kostenlose Publicity.

Frage: In England ist Jane Goody öffentlich gestorben, hat ihren Tod in den Medien vermarktet. Geben Sie eine Prognose ab: Was kommt als nächstes?

Schawinski: Jede Grenze, die man erreicht, ist die Benchmark, die das nächste Mal übertroffen werden soll. So eine voyeuristische Darstellung wie bei Big Brother war am Anfang ein Skandal, heute ist es schon Normalität. Und die künftige Entwicklung zeichnet sich ja ab: Vor laufender Kamera wird nicht nur nackt gebadet, sondern auch kopuliert. Früher galt das als Pornographie, heute ist es "Free Television". Die Grenzen werden immer weiter gezogen.

Frage: Das ZDF hat mit Ich kann Kanzler den Versuch unternommen, eine Castingshow mit Niveau zu produzieren. Die Quoten waren katastrophal. Offenbar verträgt sich dieses Format nicht den Ansprüchen des Bildungsfernsehens.

Schawinski: Ich kann Kanzler kann man doch nicht ernsthaft als Bildungsfernsehen bezeichnen. Das war eine reine Adaption, nichts weiter als eine weitere Castingshow, die nur nach außen hin einen höheren Anspruch vor sich her getragen hat. Ob man nun Sänger, Tänzer oder den "Kanzler" castet – diese Sendung war einfach nur prätentiöser als die anderen.

Frage: Hat Fernsehen für Sie überhaupt einen Bildungsauftrag?

Schawinski: Die Öffentlich-Rechtlichen, die Milliarden an Gebühren beziehen, haben einen höheren Bildungsauftrag als die Privaten. Mit diesen Gebühren sollen sie auch Sendungen machen, die sich nicht refinanzieren lassen auf dem privaten Markt. Das tun sie aber immer seltener. Ich kritisiere an den Öffentlich-Rechtlichen, dass sie sich so stark auf die Quote ausrichten, obwohl sie es mit ihren garantierten Einnahmen gar nicht müssten – im Gegensatz zu Privaten, für die die Orientierung am Publikumserfolg eine Überlebensnotwendigkeit ist.

Frage: Sehen Sie denn noch Qualitätspotentiale bei Reality- und Castingshows?

Schawinski: Ich würde nicht Qualität sagen, sondern Anstand. Deutschland sucht den Superstar ist eine handwerklich hervorragend produzierte Castingshow, die aber Kriterien der Mitmenschlichkeit beiseite schiebt. Ich bezweifele allerdings, dass man angesichts der Sehgewohnheiten, die sich inzwischen eingeschliffen haben, eine solche Sendung heute überhaupt noch mit Anstand machen kann. Ohne Fakes, ohne gestellte Szenen und manipulierende Schnitte funktioniert das Format wahrscheinlich nicht mehr. Und die Erwartungen in diese Richtung werden immer höher geschraubt.

Frage: Sie haben einmal gesagt, Fernsehen könnte so schön sein, wenn der Zuschauer nicht wäre.

Schawinski: Das war natürlich ironisch gemeint. Aber in der Tat: Zuschauererwartungen sind nicht so leicht ablesbar, wie man es gerne hätte. Auch wenn man alle Eventualitäten bedacht, keine Kosten gescheut hat – man weiß im Voraus nie, ob eine Sendung ankommt oder nicht. Bei der einen Sendung streikt der Zuschauer ganz unerwartet und bei einer anderen ist er wieder dabei. Und alle fragen sich warum.

Das Interview führten Elena Pelzer und Julia Escher für das Buch "Die Casting-Gesellschaft", das am 15. September erscheint.