ZEIT ONLINE: Wie unterstützen Sie die Studenten bei dieser ernüchternden Erfahrung?

Pörksen:
Da ist viel Verhandlungsgeschick und kommunikative Raffinesse nötig. Manchmal hilft es, die übernervöse Beraterszene einfach zu umgehen und den Prominenten direkt zu kontaktieren, der vielleicht viel entspannter reagiert. Dabei gilt es auch zu demonstrieren, dass guter Journalismus nicht alles mitmacht und nicht käuflich ist. Es kann daher sehr lehrreich sein, wenn ein Interview einmal richtig schief geht und – nach der Intervention eines Promi-Anwaltes – überhaupt nicht erscheinen kann. Und bei solch einem Großprojekt geht unvermeidlich einiges schief.

ZEIT ONLINE: Steigen auch Studenten aus dem Projekt aus?

Pörksen: Das kommt vor; manchen wird es einfach zu viel. Und unter den Bologna-Bedingungen sind solche Projekte definitiv schwieriger geworden.

ZEIT ONLINE: Raten Sie den Studenten, die bis zum Ende dabei bleiben, zum Beruf Journalist?

Pörksen: Einen Rat würde ich nur auf Nachfrage geben. Aber ich versuche ihnen zu zeigen, wie viel Hartnäckigkeit und Ausdauer nötig sind für diesen Beruf. In jedem Fall möchte ich sie dazu ermutigen, sich ihre Ecken und Kanten nicht nehmen zu lassen, ihre eigene Spur zu entdecken – und ihr zu folgen. Mein Eindruck ist, dass heute viele Studierende auf die durchaus berechtigten Zukunftsängste mit einem stromlinienförmigen Verhalten reagieren. Das heißt: Wir haben – ganz allgemein gesprochen – das Problem einer überangepassten Generation, der man pauschal sagt: "Niemand braucht euch." Ich glaube aber, dass man im Journalismus mit einer guten Idee und eigener Kreativität sehr weit kommen kann. Und eben dies versuche ich den Studierenden zu zeigen.

ZEIT ONLINE: Sind denn die Laborbedingungen unter denen Sie an der Uni arbeiten dazu wirklich geeignet?

Pörksen: Die monatelange Vorbereitung auf jedes einzelne Interview und die riesigen Materialmengen, die wir durcharbeiten – das ist sicherlich alles untypisch und später im Beruf kaum möglich. Die Universität bietet uns die Möglichkeit zu einer besonderen Gründlichkeit und Tiefenschärfe. Das ist ein wunderbares Privileg, das wir nutzen. Es stimmt schon, im Grunde betreiben wir einen extrem langsamen Anti-Journalismus, der sich im wirklichen Leben kaum durchhalten lässt. Aber Anpassen an eine oft schädliche Hektik des Betriebs kann man sich noch früh genug. Entscheidend ist aber, dass wir am Ende unter realen Bedingungen mit dem Buch auf den Markt gehen, Verträge und Termine einhalten müssen. Die Laborbedingungen sind nicht komplett irreal.

ZEIT ONLINE: Was denken Sie, warum solche Projekte doch ziemlich selten sind?

Pörksen: Zum einen sind sie extrem aufwändig, teuer und zeitintensiv. Zum anderen haben die deutschen Universitäten noch kein adäquates Praxisverständnis entwickelt, in dem Wissenschaft und Anwendung produktiv zueinander finden. Man neigt dazu, die reine Theorie gegen die vermeintlich triviale Praxis auszuspielen. In der Medienwissenschaft der Universität Tübingen versuchen wir dagegen systematisch, beide Kulturen miteinander zu verschränken – das ist didaktisch aufregend, aber auch intellektuell äußerst reizvoll: Man wird dazu gezwungen, in verschiedenen Köpfen zu denken.