Früher war Jehuda Shamis Fußball-Fan. Spartak Moskau war sein Verein, er verpasste kaum ein Spiel. Jetzt schaut sich Shamis diesen Sport nicht mehr an, er hat dem Fußball abgeschworen. Jedes Spiel dauert 90 Minuten plus 15 Minuten Halbzeit – das war verschwendete Zeit, sagt er, auf dem Weg zu seinem höchsten Ziel: Jehuda Shamis will Rabbiner werden. In einem halben Jahr ist es soweit, dann schließt er seine Ausbildung ab und wird zum jüdischen Geistlichen ordiniert.

In einem dunklen Anzug steht der 29-Jährige in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte vor einer verspiegelten Tür, von weit hört man den Lärm des Rosenthaler Platzes. In der Hand hält der Bärtige Mann ein Buch mit den jüdischen Speisegesetzen, Kashrut. Auf dem Kopf trägt er das orthoxe Käppchen, die Kippa. Hinter der Spiegeltür beginnt das Gelände von Lauder Yeshurun, einer kleinen unabhängigen jüdisch-orthodoxen Gemeinde mit integrierter Rabbi-Ausbildung für acht Studenten zwischen 19 und 30 Jahren.
Seit zweieinhalb Jahren studiert Shamis inzwischen hier, verbringt die meisten seiner Tage hinter der Spiegeltür, die von zwei Polizisten bewacht wird und einen Pförtner hat, der Personalausweise gegen Besucherausweise tauscht.

Junge Rabbiner wie er werden in Deutschland händeringend gesucht, denn die Zahl der jüdischen Gemeinden nimmt stetig zu, mittlerweile gibt es mehr als 100. Die meisten praktizierenden Rabbis kommen derweil aus Russland, England oder Israel, deutsche Rabbis mit direktem Bezug zu ihrer Umgebung gibt es wenige. "Junge Rabbiner aus Deutschland für Deutschland" lautet deshalb der Slogan des Rabbinerseminars. Von allen Studenten wird erwartet, die Zukunftspläne auf Deutschland auszurichten. Die Auswahl gilt als hart, mindestens ein Vorbereitungsjahr ist obligatorisch, ein schon abgeschlossenes Fachstudium wird empfohlen. Shamis kam als er fünfzehn war nach Deutschland, spricht fließend Deutsch, Russisch, Englisch und Hebräisch. In Hannover hat er Film studiert.

"Während des Filmstudiums fand meine Metamorphose statt", sagt Shamis und meint, dass er damals anfing, gläubig zu werden. "In Deutschland sind alle frei – aber niemand weiß mit der Freiheit umzugehen." Als Rabbi wolle er den Menschen deshalb eine Stütze sein. "Das ist eine Führungsposition für das Anspruchsvollste und Schwierigste: das Leben", sagt er.

Das Studium der angehenden Rabbis unterscheidet sich stark von einem normalen Universitätsstudium. Alles ist dem Lernen und dem Studium der Schriften untergeordnet. Und dreimal täglich beten die Studenten: morgens um 7.30 Uhr zum ersten Mal, abends um 21.30 Uhr zum letzten Mal. Dazwischen sitzen die jungen Männer im Lesesaal ihres Seminars, oft bis spät in die Nacht.

Tagsüber wäre das Studium in keiner gewöhnlichen Universitätsbibliothek denkbar: Der Lärmpegel im Lesesaal ist enorm. Wortfetzen auf Russisch, Englisch und Jiddisch schallen durch den Raum, manche streiten, manche lachen. Einer singt liturgische Verse auf Hebräisch. "Man lernt laut", sagt Shamis, "das hilft, die Gesetze besser zu verinnerlichen". Am Anfang sei das Chaos gewöhnungsbedürftig gewesen, erzählt er, "aber jetzt kann mich nichts mehr aus der Konzentration bringen". Mitten im Chaos steht Dekan Yoel Smith lässig an die wuchtige Bima, eine Art Altar, gelehnt und erklärt einen Text. Auch das ist besonders: Die Lehrer sind immer ansprechbar.