Die Szenen, die sich im nächtlichen London abspielten – Randale, Gewaltakte, der Sturm auf Regierungsgebäude – werden in Großbritannien von allen Lagern verurteilt. Begangen wurden sie vor allem von Klassenkämpfern der harten Linken und der anarchistischen Szene, die den Studentenprotest an sich gerissen hatten. Die Regierung plant, die Studiengebühren zu verdreifachen.

Die Gewalt enthält eine Warnung an die Londoner Regierung, die zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg aus einer Koalition besteht: Den konservativen Tories und ihrem Juniorpartner, den Liberaldemokraten. Zwar mag die Regierung die parlamentarische Schlacht über eine Erhöhung der Studiengebühren gewonnen haben, wenn auch mit einer scharf reduzierten Mehrheit. Doch der Krieg ist längst noch nicht gewonnen. Der Ausgang des Konflikts, der die nächsten Jahre beherrschen wird, ist alles andere als gewiss.

Die Studentenproteste könnten ein Scharmützel bleiben. Und das ist vor allem für die Liberaldemokraten unerfreulich. Sie hatten im Wahlkampf angekündigt, die Studiengebühren nicht erhöhen zu wollen und ziehen jetzt den Ärger ihrer jungen Wähler auf sich. Wenn allerdings die Auffassung in Großbritannien weiter um sich greift, dass es sich bei den Ausschreitungen um den selbstsüchtigen Protest verwöhnter Sprösslinge der Mittelschichten handelt, dürfte all das wohl kaum langfristige Konsequenzen haben.

Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Lage im Königreich wandelt: Dann könnte der Protest an den englischen Universitäten sich als Vorbote größerer sozialer Unruhen erweisen und diverse gesellschaftliche Gruppen zusammenführen, die wenig Sympathien füreinander hegen, sich aber im Widerstand vereinen gegen den drastischen Sparkurs der Regierung von Premier David Cameron und dem Chef der Liberaldemokraten, Nick Clegg.

Noch ist die Wucht der Kürzungen nicht voll durchgeschlagen. Doch erste Auswirkungen erhöhen den Druck auf die Liberaldemokraten und damit auf die Koalition. Wieder einmal bestätigt sich, dass in Zeiten konservativer Regierungen stets gewaltsamer Protest um sich greift, wie es auch schon in den Jahren unter Margaret Thatcher der Fall war. Was nicht heißt, dass hartherzige Konservative dafür in jedem Fall verantwortlich zu machen sind.

Die Tories selbst würden sich mit dem Argument verteidigen, dass ihnen immer wieder die undankbare Aufgabe zufällt, die durch die Misswirtschaft der Labour-Partei zerrütteten Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen, 2010 genauso, wie 1979, als der internationale Währungsfonds dem bankrotten Großbritannien rettend unter die Arme griff. Der politische Fallout des Beschlusses über die Studiengebühren wird noch lange nachwirken, auch wenn das parlamentarische Kapitel gestern Abend geschlossen wurde.