Seit Wochen riskieren tunesische Studenten auf den Straßen des Landes ihr Leben. Allein um fehlende Arbeitsplätze und Zukunftsperspektiven geht es ihnen dabei schon lange nicht mehr. Sie protestieren für mehr Gerechtigkeit, ein demokratisches System und ein Ende der allgegenwärtigen Korruption – auch an den Universitäten des Landes.

Yassine, 25-jähriger Regie-Student aus Tunis, ist täglich auf Demonstrationen in den Straßen der Hauptstadt unterwegs. "Fünfzig Prozent aller Absolventen finden niemals eine Arbeit, die ihrer Ausbildung entspricht. Sie arbeiten ihr Leben lang in Callcentern oder als Verkäufer. Und viele von ihnen finden überhaupt keinen Job", sagt Yassine.

Die Schuld geben die Studenten der Konstitutionellen Demokratischen Versammlung (RCD), der Partei des gestürzten Präsidenten Ben Ali. Sein Vorgänger investierte großzügig in das Bildungssystem des Landes und eröffnete viele neue Universitäten. Doch Ben Alis verfehlte Politik und die ausgeprägte Korruption führten dazu, dass die Hochschulabsolventen keine Arbeit finden.

"Wer einen Job haben will, der muss Schmiergeld zahlen oder Mitglied der Partei des Präsidenten sein", sagt Yassine. Doch auch Geld hilft nicht immer: "Wenn zwei Studenten die gleichen Noten haben, einer Parteimitglied ist und der andere nicht, dann bekommt eben der den Job, der in der Partei ist."

Yassine will im kommenden Jahr seinen Abschluss machen. Wenn in Tunesien endlich die Demokratie kommt, kann er sich vorstellen in seinem Heimatland zu bleiben. Sonst nicht. Die Ungerechtigkeiten des Systems hat Yassine schon zu oft am eigenen Leib erfahren. Kürzlich verprügelte ihn auf einer Demo ein Polizist mit einem Schlagstock, seitdem schmerzt seine rechte Schulter.

Die Mischung aus Perspektivlosigkeit und ungerechter Behandlung durch die Autoritäten treibt Tunesiens Jugend auf die Straße. Die 23-jährige Gawaher hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie Yassine. Die Anglistik-Studentin nimmt in diesen Tagen an vielen Demonstrationen teil. Zeit dazu hat sie ohnehin: Ben Alis Regime schloss vergangene Woche alle Universitäten, um den Austausch von Regierungskritikern zu unterbinden. Wann Tunesiens Hochschulen wieder öffnen ist ungewiss.