Gratis-Kondome im Wohnheim – Seite 1

"An einen Aids-Test denken ist ein guter Start, einen machen noch besser." Solche Schilder hingen vor den Türen der Studentenunterkünfte, erzählt Martin Hoffmann. Der 26-Jährige macht einen Bachelor in Internationaler Sozialer Arbeit an der evangelischen Hochschule Ludwigsburg . Ein Praxissemester und eine Theoriesemester muss er im Ausland absolvieren, für den Theorieteil hat er sich die Universität Botswana ausgesucht. "Ich war schon einmal in Tansania, Simbabwe und Botswana, und ich wollte gerne noch einmal zurück." Nun studiert er also in Gaborone, der Hauptstadt des Landes, eine Flug- und sieben Busstunden von Johannesburg entfernt.

Botswana gilt als Musterland Afrikas, seit der Unabhängigkeit 1966 gab es hier weder einen Militärputsch noch eine Diktatur wie in anderen Staaten des Kontinents, sondern das Land ist eine Demokratie. Zwar gewinnt in den Wahlen stets dieselbe Partei, aber die Abstimmungen verliefen immer fair: "Vielleicht ein bisschen wie Bayern früher", sagt Martin Hoffman. Bayern ist kein schlechter Vergleich. Botswana mauserte sich in den vergangenen Jahren von einem der ärmsten Länder des Kontinents zu "einer der dynamischsten Volkswirtschaften Afrikas", wie das CIA World Factbook festhält . Die rund zwei Millionen Einwohner erwirtschaften ein Bruttosozialprodukt von rund 9600 Euro pro Person.

Die Regierung investiert in Infrastruktur, davon profitiert auch die Universität Botswana. "Die Gebäude haben eine gute Ausstattung und überall entstehen ständig neue auf dem Campus", sagt Hoffmann. Nur das Toilettenpapier ginge manchmal zur Neige. "Die Bibliothek ist echt gut", sagt auch Anahi Wiedenbrug. Die Deutsch-Argentinierin studiert Internationale Beziehungen am University College Maastricht, dank einer Kooperation ihrer Hochschule verbrachte sie ein Semester in Gaborone.

Anahi Wiedenbrugs Urteil über den Lehrbetrieb ist indes vernichtend. "Manchmal kamen die Professoren nicht, wenn sie kamen, lasen sie nur aus ihren Büchern vor, und bei Präsentationen lieferten die anderen Studenten Wikipedia-Artikel." Akademisch habe ihr das Semester wenig gebracht, aber dafür erweiterten die Reisen ihren Blick. Auf dem Land traf sie alte Leute, die darüber klagen, dass die Uni ihnen ihre Kinder nimmt: "Die wollen lieber in der Stadt arbeiten." Ins Ausland zieht es wenige, warum auch, "Botswana ist ein gemütliches und sicheres Land, hier gibt es Wohlstand", sagt Anahi Wiedenbrug.

Martin Hoffmann kann der Kritik am Lehrbetrieb nur teilweise zustimmen. Das Studium sei aber sehr verschult und dementsprechend die Atmosphäre. Diskussionen versanden, oft fallen die ausländischen Studenten auf, weil sie über den Stoff reden wollen. Eine seiner Vorlesungen sei didaktisch ungenügend, aber alle seine anderen Kurse gefielen ihm. Das Seminar zu Aids und HIV beschäftigt den Deutschen mehr als die drei Wochenstunden. "Hier kommt so viel zusammen: Ein aktuelles Thema, die Relevanz für das Land und meine Kommilitonen."

UNAIDS, eine Organisation der Vereinten Nationen, berichtet in ihrem Global Report aus dem Jahr 2010 von einem leichten Rückgang der HIV-Rate in Botswana: 2001 waren gut 26 Prozent positiv, 2010 knapp 25 Prozent, also immerhin noch jeder vierte Einwohner. Kein Wunder, dass der Staat gratis Kondome verteilt, natürlich auch an der Universität Gaborone. Unter den 18- bis 22-Jährigen liegt die Rate für Männer bei 7,6 Prozent und bei Frauen bei 16 Prozent.

In seinen Seminaren erfährt Martin Hofmann, dass sich junge Frauen häufig bei alten Männern infizierten. Außerdem bestünde Nachholbedarf an Frauenrechten: "Die Männer bestimmen: Ob sie eine Beziehung führen, ob sie Kondome nehmen – viele meiner Mitstudentinnen finden das erschreckender Weise auch ok." Allerdings gäbe es einen großen Unterschied zwischen den Kommilitonen, die vom Dorf und denen, die aus der Stadt kämen. "Wie bei uns: Die Dorfbewohner sind traditioneller."

 

Die meisten seiner Kommilitonen kommen vom Dorf. In den Ferien oder am Wochenende fahren sie nach Hause und helfen auf den Feldern. Viele besitzen Land und Kühe. Die Tiere dienen nicht nur der Versorgung, sie sind wichtig für die Heirat. In Botswana zahlt der Bräutigam Brautpreise, zwischen 6 und 20 Rindern oder ein Äquivalent an Geld, je nach Tradition.

Die Studenten werden auch vom Staat versorgt, fast jeder erhält eine Art Stipendium. Vor der Finanzkrise waren das monatlich rund 200 Euro, nun sind es nur noch 140. Das reicht für Miete und Lebenshaltung. Für Bücher gibt es eine Chipkarte mit Guthaben, eine Barauszahlung des Betrages ist nicht möglich. Ausländer erhalten natürlich keine Chipkarte. Seine Kommilitonen bieten Martin Hoffmann daher an, seine Lehrbücher von ihren Guthaben zu kaufen und er gibt ihnen dann den halben Kaufpreis in bar. Er spart und sie kommen an ihr Büchergeld. Die Zuschüsse verleitet einige zu Beginn ihres Studiums zu Laxheit, "viele strengen sich erst richtig an, wenn sie einen Master machen wollen." Da fördert der Staat nur die Guten.

Die besseren Studenten bekommen dann auch die besseren Wohnheimplätze. Die ausländischen Studenten übrigens auch. "Wir haben Internet auf dem Zimmer", sagt Martin Hoffman. Zwar sei die Bandbreite geringer als daheim, "aber es heißt ja nicht umsonst: Manche Dinge gehen langsam in Botswana." Das merkt er auch bei seinen Trips durchs Land. Über die bloggt er ausführlich. Auf seinen Bildern lassen sich nicht nur Giraffen bestaunen, sondern es ist auch zu sehen, zu welch wunderschönen Sonnenuntergängen er lernt.