Bierkronen aus Haferflocken

Verglichen mit den sieben Millionen Litern Bier, die derzeit auf dem Oktoberfest getrunken werden, hält sich der Konsum beim 2. Internationalen Brauwettbewerb in Berlin in Grenzen: Zwischen fünf und fünfzig Liter ihrer selbstgebrauten Biere haben die 18 studentischen Teams jeweils mitgebracht. Die Jury schlürft sie aus gängigen Biergläsern, die neben einer vollen Maß doch eher bescheiden wirken. Aber ohnehin kommt es hier auf den Inhalt an, denn es geht um nicht weniger als den Titel "Bestes Hochschul-Bier 2011". Organisiert wird der Wettbewerb zum zweiten Mal von der Studenteninitiative Campusperle der TU Harburg , erstmals findet er im Rahmen der 29. Dechema-Jahrestagung der Biotechnologen statt.

Im Saal 2 des ICC wirken die kleinen Stände, an denen die Studenten ihre Erzeugnisse präsentieren, etwas verloren. Dabei haben die Nachwuchsbrauer monatelang mit den Inhaltsstoffen herumexperimentiert. Es sind überwiegend Lebensmitteltechnologen und Verfahrenstechniker , die hinter den Ständen stehen und auf selbst entworfenen Plakaten erklären, warum gerade ihr Bier das beste sei. Nur die Delegation aus Regensburg ist völlig fachfremd: Einer der drei studiert Pharmazie, einer katholische Religion, der Dritte ist angehender Maschinenbauer. Es schmeckt dennoch. Weizenbier brauen, das können sie eben, die Bayern.

"Das läuft hier nicht bierernst", sagt Organisator Markus Zeitler von der Campusperle. Eine reine Spaßveranstaltung sei der Brauwettbewerb aber auch nicht: Alle Studentengruppen bauten sich eine eigene Brauanlage; die Vorlaufzeit bis zum eigenen Bier dauere meistens mehrere Monate. Herausgekommen sei eine interessante Bandbreite an Biersorten, die es im Handel nicht zu kaufen gebe. "Ganz viele Überraschungen sind heute dabei."

Die erste Überraschung erlebt der Bierkenner am Stand der Tschechen Pavel Novák, Martin Baszczynski und Milan Bittner: Sie haben ihr Bier mit Algenextrakten gebraut. Ein Sake-Bier mit zwölf Prozent Alkohol kommt aus Aachen. Einzige Zutaten: Reis und Wasser. Pfälzer haben ein Bier mit mit dem pflanzlichen Stoff Chlorophyllin gebraut, es soll gesund sein: "Trink dieses Bier, das ist gut für deine Leber!"

Das deutsche Reinheitsgebot ist für einen Abend außer Kraft gesetzt

Für ein Gesundheitsbier haben sich auch die Lebensmitteltechnologen der Justus-Liebig-Universität Gießen entschieden. Ihr Gesöff ist probiotisch, es schmeckt aber nicht nach Actimel sondern nach einem Light-Bier. Die Jury belohnt dies mit dem Preis für den niedrigsten Alkoholgehalt: nur 2,2 Prozent.

Die Jury hat heute Abend gut zu tun. Die Juroren darf man sich nicht wie gluckernde, spuckende Weintester vorstellen. "Ein Bierverkoster muss das Bier auch schlucken", sagt Philip Bollhorn, selbst Braumeister. Schließlich werde dann erst ein Großteil der Geschmacksnerven angesprochen. Die Kriterien der Jury für den heutigen Abend: zur Hälfte die Qualität des Bieres, hinzu kommt das handwerkliche Können, die Präsentation und die Info-Plakate. Das Bier muss nicht dem deutschen Reinheitsgebot entsprechen.

Das Rennen macht am Ende ein Bier aus dem Norden der Republik: Das beste Studentenbier stammt aus Flensburg . "Zickfelder Meeresbrise" heißt das überaus prickelnde Gebräu. Benannt ist es nach Herbert Zickfeld, dem Präsidenten der Fachhochschule Flensburg. Das Brauwasser des Weizens stammt aus der Ostsee, das ist das große Geheimnis des Teams.

Angetan ist die Jury nicht nur vom Flensburger Weizen, sondern auch von dem Bier aus Berlin-Wedding, das sich den Vizetitel holt. Unorthodox, hart, rau – das "Wedding Pale Ale" soll ihre Heimat verkörpern, sagt Student Sebastian. Die vier Jurymitglieder quittieren den Geschmack des Wedding-Bieres mit einem gleichzeitigen "Mmh". Den späteren Pokalgewinn verhindert auch der weddingharte Werbespruch nicht: "Halt die Fresse! Das muss so schmecken!"

Anders als die Massenbiere

Ein Genießer: Juror Oliver Löb bei der Verköstigung © Steffen Trumpf

Mit Platz drei und dem Preis für die weiteste Anreise wird die Universität Wien ausgezeichnet. Die österreichischen Lebensmitteltechnologen brauten als einzige ein Stout-Bier. Das Geheimnis des Black Hops : Haferflocken für die schöne Schaumkrone und einen weichen Geschmack. "Schön, dass mal ein Stout dabei war. Da traut sich ein deutscher Brauer nur sehr vorsichtig heran", sagt Juror Bollhorn.

Die Jury zeigt sich am Ende hochzufrieden mit den studentischen Braukünsten. "Ich würde gerne einige von euren Bieren vermarkten", ruft Esther Isaak de Schmidt Bohländer den Studenten bei der Siegerehrung zu. Sie betreibt einen eigenen Bierspezialitätenladen.

Alles wird am Ende ausgetrunken

"Besser schmecken die Biere hier nicht – aber anders", sagt der Gast Christopher Arp. Ein großes Lob haben Robert Pazurek und Dirk Hoplitschnek vom Internetportal Bierindex , einem Bewertungsportal für Biere, parat: "Alle getesteten Biere sind hier besser als die des Massenmarkts", sagt Hoplitschek. Pazurek stimmt ihm zu: Das "Berliner Schwarze", die Kreation der Organisatoren der Campusperle, hätte mit ihrem fruchtigen Malz und dem Holunderblütenlikör "interessante Ansätze" offenbart.

Egal ob Weizen, Pilsener, mit oder ohne Algen, mit einem Schuss Chlorophyllin oder Holunderblütenlikör – in der Liebe zum Bier sind die jungen Biotechnologen vereint. Die Gläser klirren nach der Siegerehrung. Alles, was noch da ist, muss natürlich ausgetrunken werden.