ZEIT ONLINE: Wie könnten Aufstiegsmöglichkeiten gerechter verteilt werden?

Michael Hartmann: Wir brauchen ein vernünftiges BAföG. Das BAföG ist das wirkungsvollste Instrument, um etwas zu ändern. Es hat in den siebziger Jahren schnell und wirksam die Hochschulen für bildungsferne Schichten geöffnet. Über 40 Prozent der Studenten damals erhielten BAföG. Heute sind es nur noch gut 20 Prozent, weil die Bemessungsgrundlagen und Höchstsätze nicht regelmäßig angepasst werden. Würde das BAföG reformiert, gäbe es mehr Studenten, insbesondere aus bildungsfernen Schichten. Und mit einem größeren und gemischterem Reservoir, aus dem bei der Elitenbildung geschöpft wird, könnte auch der Zugang zu Eliten allmählich leistungsgerechter werden.

ZEIT ONLINE: Helfen da nicht auch Stipendien für leistungsstarke Schüler und Studenten?

Michael Hartmann: Stipendien in Deutschland fördern diejenigen, die es nicht nötig haben. Bei der Studienstiftung des Deutschen Volkes zum Beispiel stammt gerade einmal jeder 20. Stipendiat aus sozial "niedrigen" Verhältnissen. Arbeiterkinder trauen sich meist gar nicht, eine Bewerbung um ein Stipendium abzuschicken. Wenn sie es doch ins Auswahlverfahren schaffen, scheitern sie, weil sie nicht richtig auftreten.

ZEIT ONLINE: Sind die Eliten in anderen Ländern durchlässiger?

Michael Hartmann: Die Eliten in den skandinavischen Ländern sind deutlich durchlässiger als in Deutschland. Dort basiert der Zugang zu Eliten stärker auf Leistung als auf Herkunft. Und zwar in allen Eliten – von der Politik bis zur Wirtschaft.

ZEIT ONLINE: Was wird dort anders gemacht?

Michael Hartmann: Dort gibt es insgesamt viel mehr Hochschulabsolventen als in Deutschland, sodass das Reservoir, aus dem geschöpft werden kann, viel größer ist. Und der bürgerlich-großbürgerliche Habitus zählt dort weniger, weil die Grundeinstellung in den skandinavischen Ländern deutlich egalitärer ist als in Deutschland. Aber auch dort zeigt sich: Allein durch Bildung geht es nicht. Die Herkunft spielt immer eine Rolle.