Heutzutage muss es schnell gehen, auch in Schule und Studium. Schnell zum Abitur, dann flugs den Bachelor machen und den Master gleich hinterher. Mit 23 Jahren ist man dann bitteschön bereit für den Arbeitsmarkt.

Ich halte das für bedenklich. Ein Studium sollte dafür da sein, zu reflektieren und über den Tellerrand hinauszublicken. Dafür braucht man Zeit.

Viele meiner Kommilitonen haben sich gegen einen Auslandsaufenthalt entschieden, weil sie Angst hatten, ein Jahr zu verlieren. Diejenigen, die wie ich für zwei Semester in die USA gegangen sind, wurden kritisch beäugt. Ich bin froh, dass ich mich dadurch nicht von meinen Plänen habe abbringen lassen. In den USA habe ich Situationen erlebt, die mir zu Hause nicht passiert wären. Einmal wurde ich wegen Bauchschmerzen, die mich fast bewusstlos werden ließen, mit dem Krankenwagen in die Notaufnahme gebracht – Verdacht auf Blinddarmdurchbruch. Es war die längste Nacht meines Lebens. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, packte mich ein unbeschreibliches Gefühl, weil ich wusste, dass ich notfalls alles allein schaffen kann.

Ich bin der Meinung, dass es gerade die herausfordernden und manchmal auch negativen Erlebnisse sind, die einen jungen Menschen charakterlich weiterbringen. Dafür lohnt es sich, ein und mehrere Jahre länger zu brauchen als geplant.

Im Studium sollte man seine Zeit ruhig mal mit Tätigkeiten verbringen, die auf den ersten Blick nutzlos erscheinen. Manchmal habe ich mit Kommilitonen nächtelang über Studiengebühren diskutiert. Dabei sind wir nicht unbedingt auf einen Nenner gekommen, aber wir haben gelernt, die Meinung des anderen zu akzeptieren und unsere eigenen Argumente zu schärfen.

Es geht mir nicht darum, Zielstrebigkeit und Ehrgeiz zu verteufeln. Beides ist wichtig für den beruflichen Erfolg. Nur sollte man bei aller Zielstrebigkeit nicht vergessen, dass ein schneller Studienabschluss allein noch nicht glücklich macht.

Ein Studium lässt sich nicht wiederholen. Wenn man einmal in einem Job steckt, wird man vielleicht wehmütig an die Freiheiten der Studienzeit zurückdenken. Und wenn man erst eine Familie versorgen muss, kann man am Wochenende nicht mehr spontan und planlos irgendwo hinfahren.

Frei, unbesorgt und unabhängig zu sein ist ein Privileg der Jugend. Karriere machen kann man auch mit 40 noch.