Ich bin eben aufgestanden und esse Kroketten. Mit Ketchup, dem guten mit dem grünen Deckel. Es kommt mir vor, als wäre ich unter die Herrschaft meines Körpers geraten, klammheimlich hat er das Zepter in die Hand genommen. Ich kann nicht anders, als ihm zu gehorchen. Rein rational gesehen macht das schon Sinn: Vermutlich weiß er besser, was ich jetzt brauche. Ich habe ja keine Ahnung vom Schwangersein und auch keine Erfahrung. Da freue ich mich schon, dass die Evolution anscheinend so was wie Körperherrschaftsmodi eingerichtet hat.

Was mein Körper wann, wie und wo von mir will, ist allerdings unmöglich nachzuvollziehen, er scheint da überhaupt keinen roten Faden zu verfolgen. Drei bis vier Mal pro Nacht wache ich auf, andauernd muss ich aufs Klo oder mein Körper meint, dass jetzt um halb vier Uhr morgens genau der richtige Zeitpunkt ist für ein Käsebrot.

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Wenn ich mich nach ein paar Tagen darauf eingestellt habe, dass nachts wohl immer Bedarf an Käse und Brot herrscht und mich eingedeckt habe mit Brot- und Käselaiben, dann schlafe ich wieder durch und morgens brauche ich dringend Schokoladenflakes mit Milch. Letzte Woche sind es Grillhähnchen gewesen und davor alles, was in Tüten zu kaufen ist und zwei Minuten Zubereitungszeit erfordert.

Ich war daran gewöhnt, zu bestimmen, was mein Körper kann oder wo die Grenzen sind. Etwa, wann ich ihm erlaube, krank zu werden. Jetzt ist das völlig undenkbar. Wenn ich versuche, ihm zu sagen, dass er erst in der Pause zwischen den Seminaren Essen bekommt und so lange warten soll, gibt es eine Warnung in Richtung Magengegend und dann wird ernst gemacht. Wenn ich abends von der Uni nach Hause laufe und denke, ich esse dann zu Hause was Richtiges, dann schaff ich es kaum durch die Fußgängerzone.

"Ich will Ketchup und ich will ihn jetzt!"

Anfangs, wie gesagt, gab es Auseinandersetzungen zwischen mir und meinem Körper, aber seitdem ich weiß, dass er ohne Gnade auf seine Bedürfnisse pocht, beuge ich mich. Hätte mein Körper eine Stimme, würde er mir permanent nach Drill-Sergeant-Manier ins Ohr brüllsingen: "Ich will Ketchup und ich will ihn jetzt!" Früher hätte ich zaghaft nachgefragt: "Was, ehrlich?" Jetzt würde mein Drill-Sergeant seine Nase an meine pressen und mich anschreien: "Sind Sie taub, Private? Oder einfach nur dumm?" Also jogge ich keuchend in die Küche und brüllsinge mit: "Ich will Ketchup und ich will ihn jetzt!"

Das macht alles noch komplizierter. Ich wollte ja so viele Modulabschlüsse wie möglich noch vor der Geburt und damit vor der Studienpause durchknallen. Und nebenbei auch arbeiten, damit ich so viel Geld wie möglich auf die Seite schaffen kann. Pause machen bedeutet nämlich: kein Bafög, weil man nicht aktiv studiert, aber auch kein Sozialgeld, weil man ja Student ist. Klingt paradox, ist es auch, ändert aber nichts.

Und dann kommt mein Körper also nach langen Tagen, die mit Seminaren, Job, Infogesprächen in diversen Ämtern und meinen Hausaufgaben vollgestopft sind, einfach mitten in der Nacht auf die Idee, dass ein kleiner Snack jetzt doch prima wäre. Augenberingt sitze ich dann in der WG-Küche und kaue mit Tränen in den Augen auf meinem Käsebrot herum und dann hab ich wieder ein schlechtes Gewissen, weil ich mich ja auch so freue und dann streichle ich den Bauch und rede mit vollem Mund mit meinem Baby und verspreche, dass ich gut aufpasse und alles gut wird und ich es ganz doll liebe und jetzt aber einfach ganz müde bin, aber nicht richtig traurig, nur müde.