Der Bauch ist jetzt so groß, dass man sieht: Ich bin schwanger. Den Leuten fällt es viel leichter, zu begreifen, wie viel sich bei mir verändert. Aber ich bin noch beweglich genug für alles, was ich auch sonst gerne mache. Ich kann ohne Probleme wunderbar tanzen und wenn es mal eine Party gibt, habe ich festgestellt, dass alkoholfreier Sekt auch eine nette Alternative ist. Ich will nicht leugnen, dass ich mich schon richtig freue, ein Glas Wein trinken zu dürfen, aber ich hätte doch erwartet, dass es schwerer wäre.     

Naja, das trifft auf einiges zu. Ich hatte angenommen, dass es furchtbar anstrengend wird, schwanger zu studieren. Und es stimmt schon, ich muss ein wenig langsamer machen. Aber ich weiß, dass ich jetzt auch für mein Kind mitstudiere und mitarbeite und bin gefühlt viel effektiver. Und langweiliger, ja, doch. Ich bin meistens um elf abends im Bett und halte die Hände auf den Bauch und warte auf eine Regung. Auch wenn ich noch nicht so richtig weiß, worauf ich da warte und wie sich das anfühlt.   

Ich habe gelesen, dass manche Frauen das mit Blähungen verwechseln. Muss ich pupen oder ist das mein Kind? Vielleicht hat es sich schon am Tag bewegt und ich habe es bloß nicht bemerkt? Es ist ja noch klein und noch nicht so stark. Aber dann: Gar nicht wie Blähungen – ganz eindeutig ein Klopfen von innen. Ich erschrecke ein bisschen. Es ist toll zu spüren, dass wohl alles ok ist da drin. Alles fit und beweglich. Aber es ist auch seltsam. Ich muss an Alien denken, auch wenn es ja nicht außerirdisch ist. Vor der ersten Regung habe ich nur meinen Körper wahrgenommen, ganz anders als früher, aber immer noch meinen eigenen Körper. Und das Baby als Teil davon. Jetzt ist ganz klar: Wir sind zwei. Eins im andern. Das ist schon völlig verrückt.

Hier gibt es alle Folgen der Serie zum Nachlesen. © Getty Images

Die Feindiagnostik steht vor der Tür und ich freue mich schon, denn dann wissen wir, was es wird und ob alles gut ist und ich kann das Kind richtig sehen. Mein Freund ist da nicht ganz so unbeschwert. Man könnte ja sehr, sehr schmerzhafte Dinge erfahren. Ich weiß, dass er Recht hat. Und dann habe ich plötzlich auch Sorgen. Was ist wenn? Ich weiß, dass man darüber nachdenken sollte und ich traue mich trotzdem nicht so richtig. Der Abend vor dem Feindiagnostiktermin endet mit uns beiden heulend auf dem Bett. Verwirrt aneinander geklammert. Wir entschuldigen uns, er wollte mich nicht beunruhigen. Ich wollte eigentlich auch nicht gleich losheulen und müsste auch auf seine Sorgen und Ängste eingehen. Ich versuche zu erklären, dass ich aber ein so gutes Gefühl habe und ja, auch naiv bin, das weiß ich. Und ich glaube ganz fest, dass es gut ist, hinzugehen. Dann können wir doch besser reagieren,  auch wenn wir von einer Fehlentwicklung oder einer Krankheit erfahren. Mit der Wahl des Krankenhauses zum Beispiel.

Aufgeregt sitzen wir in der Praxis und halten uns an den Händen. Der Arzt sieht über seine randlose Brille. Ein durchdringender Blick. Ich bin froh, dass wir zu zweit hier sind. Mein Herz schlägt schnell. Ich muss mich hinlegen und der Arzt zeigt uns unser Kind. Ich starre auf den Bildschirm und dann rüber zu meinem Freund. Es ist wunderschön. Ich zähle die Finger. Alle da. Ich zähle die Zehen. Auch da. Der Arzt zeigt mir den Magen, der ist voll, das heißt, die Speiseröhre ist durchgängig. Die Blase ist voll, und er sagt, das heißt, dass auch die Nieren arbeiten. Wir sehen die Lippen, keine Gaumenspalte. Der Arzt redet viel und je mehr er redet, desto mehr freue ich mich. Ich bin erleichtert, weil ich jetzt auch weiß, dass mein Studieren und meine langen Tage in der Bibliothek und mein Nebenjob nie geschadet haben. Auch wenn ich mal müde war und naiv und nicht erfahren und unsicher, habe ich ein starkes, gesundes Kind.  

Ich kann sehen, wie es die Hand öffnet und schließt und ich stelle mir vor, dass es uns zuwinkt und würde gerne zurückwinken, aber das lasse ich dann doch. Der Arzt fragt, ob wir es wissen wollen. Ich sehe meinen Freund an, wir nicken. Der Arzt sagt, es ist nicht nur wahrscheinlich, es ist auch nicht 99% sicher. Nein, es ist ein Mädchen.