Immer wieder kämpfe ich mit den Mythen, wir Philosophiestudenten seien faul und bekämen bessere Noten. Doch wir lernen einfach anders als Naturwissenschaftler.

Über das Philosophiestudium kursieren allerlei Mythen. Da ich vor Kurzem an einer Technischen Universität ein geisteswissenschaftliches Studium mit dem Schwerpunkt Philosophie abgeschlossen habe, bin ich mit vielen Vorurteilen konfrontiert worden. Unzählige Male habe ich mit meinen Kommilitonen aus den Naturwissenschaften darüber diskutiert, dass in der Philosophie überdurchschnittlich gute Noten vergeben werden und dafür nur relativ wenige Leistungsnachweise erbracht werden müssen. 

Nicht selten arteten solche Diskussionen aus. Dann hieß es gleich, weil man ja nichts leisten müsse, um gut benotete Scheine zu erlangen, faulenzten Studierende dieser Fächer den ganzen Tag. Da dürfe man sich nicht wundern, wenn man später keinen Job bekomme. 

An diesem Bild ist eines nicht ganz falsch: In der Philosophie und anderen geisteswissenschaftlichen Fächern werden im Durchschnitt bessere Noten vergeben als in den Naturwissenschaften. Nur sollte man daraus nicht folgern, dass die Absolventen im Studium nichts lernen. Tatsächlich gibt es einige gute Gründe, an den Prüfungs- und Studienordnungen geisteswissenschaftlicher Fächer nichts Grundlegendes zu ändern.

Natur- und Geisteswissenschaften produzieren ihr jeweiliges Wissen auf völlig unterschiedliche Weise. Deshalb muss sich auch deren Vermittlung fundamental unterscheiden. Noch deutlicher wird das, wenn man andere Universitätsfächer miteinander vergleicht. Während beispielsweise eine Architektin Zeichnen und das Handhaben von Grafikprogrammen erlernen muss, verbringen Philosophen sehr viel Zeit mit Lesen. Wie Mathematiker brüten wir über Argumenten und rekonstruieren Schlussfolgerungen.

Wer zum Beispiel jemals Donald Davidson oder Thomas Nagel gelesen hat, der weiß, dass man solche Bücher nicht sonntags am Baggersee überfliegt, wenn man sie verstehen will. Ob man sich angemessen mit ihnen auseinandergesetzt hat oder gar eine originelle Gegenposition entwickeln kann, lässt sich eben nicht wie das Lösen von Differentialgleichungen in einer Klausur überprüfen. 

Das Philosophiestudium hat mich als Mensch verändert. Anfangs hat es mich oft verwirrt, bevor ich konstruktiv mit bestimmten Argumenten umgehen konnte. Mit Esoterik hat das allerdings nichts zu tun. Manche Menschen brauchen mehr Zeit als andere, um sich persönlich von Themen wie Abtreibung oder Euthanasie zu distanzieren. Auch ich habe dafür eine gewisse Zeit gebraucht. Eine prägende Erfahrung war für mich beispielsweise, als ich zum ersten Mal mit der These konfrontiert wurde, der Tod ginge uns nichts an, und es sei eigentlich überflüssig, die Zeit in Angst vor ihm zu verbringen.