Am Ende schrieb ihre Mutter das Abiturzeugnis. Wochenlang hatte Carla Widman mit der Ludwig-Maximilians-Universität in München telefoniert, hatte den Mitarbeitern versucht klar zu machen, dass sie kein Schulzeugnis zur Einschreibung mitbringen könne. Doch die Uni blieb hart, die Bachelor-Urkunde allein reichte nicht. Das Problem war nur: Widman hat nie eine Schule besucht. 

Sie lernte im Wohnzimmer in Bellingham, im US-Staat Washington. Mit ihrer Mutter saß sie auf der grünen Couch und las, während die älteren Geschwister am Esstisch mathematische Gleichungen lösten oder Aufsätze schrieben. "Hundred easy lessons to read" stand auf dem Einband des ersten Schulbuches. Wie stolz war sie, als sie mit fünf Jahren morgens zum Regal ging und den Band herausholte. Was für deutsche Kinder die Schultüte, war für Widman dieses Buch. Die Seiten schienen ihr während des Blätterns zuzuflüstern: "Jetzt darfst du, jetzt darfst du auch."

Bis heute, bis zu ihrem Masterstudium der Interkulturellen Kommunikation, das sie mit Mamas Abizeugnis – einer einfachen Bestätigung auf einem Blatt Papier – dann doch antreten konnte, hat Widman versucht, sich diese Einstellung zu bewahren. "Mir hat Lernen zum Glück nie jemand kaputt gemacht", sagt die 23-Jährige. Nie wurde sie vor der Klasse an der Tafel vorgeführt, nie musste sie eine Schulaufgabe schreiben oder sich durch eine Abfrage kämpfen. Wenn sie ihren deutschen Kommilitonen von ihrem Heimunterricht erzählt, ruft das bei manchen Zweifel hervor: Kann man, wenn man nie eine Schule besucht hat, denn überhaupt studieren?   

Man kann, sagt Widman – und man kann das womöglich sogar besser als manch anderer mit einem beglaubigten Abiturzeugnis. Absolventen vom Gymnasium oder der High School, die über Jahre von den Lehrern den Stoff vorgekaut bekamen, fallen die ersten Semester an der Uni oft schwer. Sie sind es nicht gewohnt, plötzlich alles alleine zu organisieren. Widman dagegen schon: "Ich war meine gesamte Schulzeit auf mich allein gestellt. Im Uni-Alltag habe ich mich gerade am Anfang viel leichter getan als manche Kollegen. Die waren teils schon überfordert, wenn sie mal den Raum nicht gefunden haben", sagt sie.

Von Anfang an hatte die Studentin keine Scheu, nach einem Seminar bei Professoren und Dozenten nachzuhaken, stellte sich allen persönlich vor. Sie war sich – vielleicht mehr als andere – bewusst, wie wichtig ein gutes persönliches Verhältnis sein kann. "Wenn die Professoren dich kennen, hast du es leichter. Wenn sie wissen, dass du dich anstrengst, drücken die auch mal ein Auge zu, wenn du nicht da bist", sagt Widman.

Wie jemand, der sich allein aus Berechnung mit den Lehrenden gut stellt, wirkt sie nicht. Sie lacht viel, wenn sie redet, ihr langes braunes Haar trägt sie offen über dem schlichten Pulli. Sie wirkt einfach unkompliziert. Ihre Freizeit verbringt Carla meist in der Natur, joggt durch den Wald, am Wochenende sind es manchmal mehr als vier Stunden. Auch abseits der Uni, abseits des Hörsaals, wenn sie alleine die Pfade entlang läuft, ist ihr Ehrgeiz nicht verschwunden. Wohl einer der Gründe, warum für Widman das Modell Homeschooling so gut funktioniert hat – sie kann sich selbst motivieren.

Außerdem, erzählt Widman, lief der Schulunterricht zu Hause schon immer ab wie an der Hochschule. Zuerst die Vorlesung: Ihre Eltern oder Geschwister haben ihr einige Stunden den Stoff erklärt. Dann die Zeit in der Bibliothek: Mit Hilfe von speziellen Homeschooling Büchern hat sich die Amerikanerin den Rest selbst erarbeitet. Auf einem Brett im Wohnzimmer waren morgens für jeden die täglichen Aufgaben notiert, auch alltägliche Dinge wie einkaufen, Abendessen zubereiten oder den Müll rausbringen. Ihre Eltern wollten Schule nicht einfach zu Hause nachspielen, die Kinder sollten lernen, sich ihre Zeit einzuteilen. Wenn ihre Kommilitonen das hören, fragen sie oft: "Schule zu Hause, ihr seid bestimmt sehr religiös, oder?"