Ein Zucken, eine Vibration, schon folgt der Blick aufs Display. In Gesellschaft und auf Partys feiert das Smartphone mit. Ist das unhöflich gegenüber dem Gastgeber?

Der Griff nach dem Smartphone ist fast unbewusst: Ein Zucken, wenn irgendwo etwas vibriert oder der Standard-Klingelton ertönt. Ist nicht meins? Ach so, aber wo ich es gerade in der Hand habe …     

Ständig schielen wir aufs Smartphone. Muss das auch in Gesellschaft und auf Partys sein? Ist es immer noch unhöflich, auf das eigene Handy zu starren, wenn das Umfeld dasselbe tut? Gilt nicht irgendwann ein digitales Jedermannsrecht, das alte Umgangsformen vergessen macht?

Schlechtes Benehmen bleibt schlechtes Benehmen, sagt die Kommunikationsberaterin und Präsidentin der Knigge-Gesellschaft für Moderne Umgangsformen, Tosca von Korff. Wer in einem Gespräch, auf einer Party oder beim Essen sein Smartphone zückt, zeige dem Gegenüber nicht genug Wertschätzung und Respekt. "Sie vermitteln ihrem Umfeld, dass sie wenig Interesse an der Veranstaltung und den Gästen haben. Das ist insbesondere für den Gastgeber ein unschönes Gefühl", sagt von Korff. 

Der Party-Gast könne außerdem als arrogant und desinteressiert wahrgenommen zu werden. "Eine Einladung dient schließlich in der Regel dazu, sich mit anderen anwesenden Gästen zu unterhalten." Für dringende Telefonate oder wichtige Nachrichten empfiehlt die Knigge-Expertin einen ruhigen Ort.

Gastgeber schweben nicht Smartphone-enthaltsam durchs Zimmer

Was wäre, wenn alle das konsequent umsetzen? Partys wären leergefegt, Menschenklumpen auf dem Balkon und vor der Haustür. Der Höflichkeit halber. In der Küche einsam und allein der Gastgeber. Ist da der schnelle Blick in Richtung Display, umringt von verständnisvollen Freunden, nicht das kleinere Übel?  

Selbst Gastgeber schweben selten Smartphone-enthaltsam durch die Zimmer und bieten Häppchen und Small Talk an. Auch wer zu einer Feier einlädt, legt sein Gerät ungern aus der Hand. Wenn es also scheinbar keinen Geschädigten gibt, ist es dann noch schlechtes Benehmen?

"Unsere Gadgets sind nicht unsere Freunde"

"Unsere Gadgets sind nicht unsere Freunde", schreibt eine amerikanische Kolumnistin zur Smartphone-Misere in US-Bars. "Man kann mit einem Freund einen Tequila-Shot trinken. Wenn man das mit seinem Smartphone macht, ist es danach kaputt."

Unser Smartphone soll Hilfsmittel sein, um uns Freunden näherzubringen. Aber worin liegt der Zweck, mit bestimmten Freunden zu chatten und uns über ihre Statusupdates auf dem Laufenden zu halten, wenn wir doch gerade andere Freunde direkt neben uns haben? Ist das Smartphone schon Selbstzweck geworden, unser Verhalten unserer Kontrolle entglitten?  

Nein. Digitale Technik ist Teil unseres Alltags. Das verändert zwangsläufig auch Umgangsformen. Höflichkeitsnormen entwickeln sich, passen sich der Gesellschaft an, heute wie vor 100 Jahren.

Wenn die Party einen eigenen Hashtag hat

Kulturpessismismus muss nicht sein, das habe ich vor einiger Zeit auf der Party zweier Freunde erlebt. Twitter gehörte selbstverständlich dazu: Die Party hatte einen eigenen Hashtag, eine wirre Buchstabenkombination. Ein Flatscreen in der Wohnung zeigte alle Tweets, die mit dem entsprechenden Schlagwort versehen waren. Jeder Partybesucher konnte seine Eindrücke von der Party ins Netz stellen und gleichzeitig sehen, was die anderen twitterten.      

In diesem Fall war das ziemlich praktisch. Die Wohnung war ziemlich verwinkelt und proppevoll. In einem Raum wurden Spiele gespielt, Schaulustige drängten sich bis in den Gang. Über die Twitterwall konnte ich verfolgen, welches Team beim Beer-Pong-Spielen gewonnen hatte und wann ich selbst an der Reihe war. Allein mit seinem Smartphone in der Ecke saß trotzdem keiner der Gäste.

Rüpel bleibt Rüpel, das hat meist wenig mit dem technischen Gerät in seiner Hand zu tun. Wenn jemand wirklich nur kurz seine Nachrichten checkt, sollten wir dem Gegenüber die gleiche Höflichkeit zukommen lassen, die wir uns in einer solchen Situation selbst wünschen: gelassenes Hinwegsehen.