Früher haben Studenten noch protestiert, beschweren sich die Alten. Unsere Autorin wehrt sich: Wir müssen unseren Professor nicht mehr anbrüllen, um gehört zu werden!

Studenten von heute sind bieder, langweilig, karriereorientiert, angepasst und glatt. Studenten früher waren wachsam, politisch engagiert, diskussionsfreudig und haben viel härter gekifft. Wir, also alle, die nach 1980 auf die Welt kamen, sind je nach Kontext Generation Y, Generation Maybe oder Generation Spießig. Manchmal auch – man höre und like – Generation Facebook

Da wir so unglaublich angepasst sind, weiß natürlich niemand genau, wer wir eigentlich sind. Ausgerechnet Ex-Telekom-Manager Thomas Sattelberger rät Studenten in einem Interview der Huffington Post dazu, mal ein freiwilliges Projekt in den Slums von Kalkutta zu starten. Welch revolutionärer Gedanke, wo doch die Studenten, die kein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland gemacht haben, bereits auf die Rote Liste der gefährdeten Arten gesetzt wurden. Und aus der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen tönen wohlwollende "Weckrufe", die uns zu wilden Taten auffordern. Nicht immer nur "Genau" sagen und "Gefällt mir" drücken, so der schulmeisterliche Appell. Wir sollen mal so richtig dagegen sein, Haltung annehmen, jawohl! Sind wir tatsächlich "Grottenolme am Badesee ohne Weltanschauung und Widerstand", wie die FAZ uns schimpft?

Ich kann nicht für eine ganze Generation sprechen, aber ich bin nicht einverstanden. Ich bin nicht einverstanden mit Deutschlands Rüstungsexporten. Ich bin nicht einverstanden, dass Frauen auf ihrer Gehaltsabrechnung spüren, dass sie eventuell mal schwanger werden könnten. Ich bin nicht einverstanden mit einer Textilbranche, die Menschen in Bangladesch als Sklaven schuften lässt. Und ich bin nicht einverstanden mit einem verblödeten Uni-System, das in vorauseilendem Gehorsam von Menschen umgesetzt wurde, die selbst in den wilden Siebzigern studiert haben. 

Ich weiß aber, dass sich nichts ändert, wenn ich mit alternden Studienräten und alternativen Christen vormittags auf der Wiese vor dem Bundestag ein Schild mit der Aufschrift "Nein zu Rüstungsexporten" in die Luft halte. Ich hab’s ausprobiert, wirklich. Auch der AStA scheitert täglich und kläglich daran, den Campus gegen Massentierhaltung, Flüchtlingspolitik und Anwesenheitslisten zu mobilisieren. Und warum scheitert er? Weil Transparente und Megafone im Jahre 2014 so provokativ sind wie Joschka Fischers Frisur.

Also, was tun? Genau das, was ein großer Teil der Studenten heute tut: Sprachen lernen, die Welt bereisen, Freundschaften mit Menschen aus verschiedensten Ländern schließen. Bio kaufen, Großkonzernen den Mittelfinger zeigen und keine Lust auf Burn-out haben. Wir müssen unsere Professoren nicht mehr anschreien, um gehört zu werden. Wir sind top informiert und artikulieren unseren Ärger in den sozialen Netzwerken schneller, als unsere wilden Onkel einen schmucken Pflasterstein aufsammeln konnten. Wir werden nicht auf der Straße brüllen, um euch zu stolzen Eltern zu machen. Kundgebungen sind etwas für Flugfeldbefürworter und Bahnhofsgegner. Wir wollen mehr Menschen erreichen, als sich in der Hörweite eines Sprechchores aufhalten können. Wir teilen, hacken, kommentieren. Wir sind misstrauischer als ihr und kleinteiliger in unserer Kritik. Wir grölen nicht alle denselben Slogan, wir posten unseren persönlichen Kommentar und setzen ein gemeinschaftliches Tag.

Geschätzte Eltern- und Dozentengeneration! Werte Journalisten, die ihr in den 68ern sozialisiert wurdet und jetzt fröhlich tadelnd einer Rente entgegenwackelt, die wir nicht mehr erleben werden: Ich habe großen Respekt vor euch. Weil ihr als Studenten gegen ein autoritäres System protestiert habt. Ihr habt den richtigen, den lauten Ton getroffen in dieser Welt, in der euch keiner zugehört hat. In einer Zeit, in der jeder Stöpsel in den Ohren und ein Display vor den Augen hat, brauchen wir eine andere Kommunikation. Wir müssen und wollen einen anderen Weg gehen als ihr, also entspannt euch und akzeptiert es. Wir sind nicht Generation Spießig, wir sind auch nicht Generation Maybe, wir sind einfach jung. Und junge Menschen lieben es, ältere Menschen – also euch, sorry! – zu provozieren. Und nichts provoziert euch so wunderbar, wie euch nicht zu provozieren.