Studenten seien angepasst und desinteressiert, erklärte eine Dozentin auf ZEIT ONLINE. Unsere Leser wehren sich: Leidenschaft sei Luxus an der Uni von heute.

Okaysein sei das oberste Lernziel. Okaysein sei das wahre Exzellent. So fasst Christiane Florin ihre gesammelten Uni-Jahre als Dozentin zu einem Buch zusammen. In einem Auszug, der auf ZEIT ONLINE erschienen ist, vermisst Florin den Durst nach Wissen, die Provokation und die Leidenschaft.

Und was sagen die angeblich Angepassten, die Wikipedia-Leser, die Credit-Points-Sammler? Die einen stimmen zu, andere haben ein vollkommen anderes Bild ihrer Generation. Doch die meisten sagen: Ja, manchmal sind wir Studenten nicht so leidenschaftlich, wie wir gerne wären. Dank Bologna, Druck und Regelstudienzeit. Ein Ausschnitt aus unseren Leserreaktionen:

Wir sind die Generation Panik, schreibt Dudenbrocks in den Kommentaren:

"Seit Jahr und Tag wird uns eingebläut: Sei schnell, schnell und noch einmal schnell. Wenn du nicht mit Anfang 20 deinen Abschluss hast, nebenher noch ein Praktikum gemacht hast und noch mindestens 1.000 'passender' Hobbys ausübst, hast du keine Chance jemals Erfolg zu haben. Das wird auch nicht erst ab der Uni gesagt, das fängt schon im Kindesalter an, wenn auch noch etwas subtiler. Aber umso höher die Schulbildung voranschreitet, umso drängender wird es und irgendwann glaubt man es einfach. Auch alleine darum, weil es alle sagen: Eltern, andere Verwandte, Lehrer, sogar Freunde und vollkommen Ungefragte. Unsere Generation sollte vielleicht Generation Panik heißen, trifft zwar nicht auf jeden zu, aber auf erschreckend viele.

Nachfragen sind verpönt, schreibt Mathsn in den Kommentaren:      

"Ich studiere zurzeit selbst und kann voll zustimmen. (Selbst)kritik, Aufmerksamkeit in den Seminaren/Vorlesungen oder, Gott behüte, Nachfragen sind im Großen und Ganzen verpönt. Es heißt: Augen zu und durch, bloß nur die Klausuren bestehen, bloß nur das Referat hinter sich bringen und dann bitte keine Fragen. Wer fragt, fällt negativ auf. Wer fragt, sitzt nicht mit seinem Handy/Laptop da und stört nur den Redefluss des Dozenten und somit das pünktliche Ende der Vorlesung. Wer in einem Soziologie-Tutorium vom Tutor (!) den Satz gehört hat: 'Hinterfragen Sie die Texte nicht, lernen Sie einfach nur die Standpunkte für die Klausur auswendig', der kann voll und ganz verstehen, was Christiane Florin meint."

Wir sind nicht faul, sondern überfordert, schreibt K_in_S in den Kommentaren

"Ich selbst gehöre aufgrund meines Alters auch zur Generation Y – auch wenn ich mich am liebsten nicht dazuzählen möchte. Warum? Bei vielen meiner Altersgenossen beobachte ich mangelnde Selbstreflexion, die Unfähigkeit, Zeit mit sich selbst im Alleinsein zu verbringen oder sich nur einer Sache zu widmen. Das klingt nun wie ein Vorwurf, ist aber vielmehr eine Beobachtung und höchstens als Fingerzeig gemeint, weil es mir Sorgen bereitet. Ist es denn nicht schade, dass ein Gespräch von dem Summen eines Smartphones aus der Tasche unterbrochen wird? Warum ist die Generation Y so rastlos? Warum muss immer was gehen? Warum bekomme ist den Eindruck, dass sie *Angst* haben, etwas zu verpassen, ausgeschlossen zu werden? Ich habe nicht das Gefühl, dass meine Generation faul ist oder sich mit Okay-Leistungen zufrieden gibt – ich denke, sie ist überfordert."

Ich muss eben die Regelstudienzeit schaffen, schreibt Lunen in den Kommentaren:

"Wenn der Bologna-Prozess nix weiter ist als die Verkürzung der Studienzeit ohne Abspeckung des Stoffes, dann kann man einfach kein wissenschaftlich-kulturelles Interesse wecken. Noch dazu wird die halbe Existenz bedroht, wenn man vorm Bafög-Amt belegen muss, dass man alles in "Regelstudienzeit" schafft und keine wohlhabenden Eltern dahinterstehen."

Wir wünschen uns mehr, aber die Zeit fehlt, schreibt Wewere in den Kommentaren:

"Also wir haben uns unter Studieren immer was anderes vorgestellt. Mit meiner Mitbewohnerin sitze ich manchmal nachts stundenlang da, wir diskutieren über Politik, ja das Grundgesetz (wir studieren nicht Politik) und über Theorien, die unseren Studiengang betreffen und das Leben. Dann fallen wir morgens irgendwann ins Bett und müssen am nächsten Tag stur irgendwelche Begriffe auswendig lernen, die wir nach der Klausur ohnehin nicht wiederholen könnten. Wir würden uns mehr Diskussionen, mehr Selbstdenken, mehr Gespräche wünschen. Aber die Zeit fehlt uns schlicht. Denn unsere ECTS-Punkte müssen wir ja auch irgendwie sammeln. Und mit Wahlfreiheit ist bei uns auch nicht viel."

Unser System vergütet Leidenschaft nicht ausreichend, schreibt DasHannes in den Kommentaren

"Leidenschaft ist Luxus. Studium aus Interesse ist leider überholt. Da andere Bildungsvarianten zu schwach vergütet werden, ist IRGENDEIN abgeschlossenes Studium Grundlage für Wirtschaftlichkeit und wird außerdem im sozialen Kontext erwartet ('Guten Tag, was haben Sie studiert?'). Wenn ich mich umsehe, ist vielleicht jeder Zehnte mit Leidenschaft dabei. Wenn unser Wirtschaftssystem Leidenschaft ausreichend vergütet, um einen respektablen Lebensstandard mit Zukunftsperspektiven zu erreichen, dann werden auch weniger Studenten studieren nur um des Studierens willen."

Wir boykottieren Anwesenheitslisten, schreibt sirlaughalot in den Kommentaren:   

"Liebe Frau Florin, ich kann Ihre Wahrnehmung kaum teilen. Bei uns am Institut herrscht in vielen Seminaren eine angeregte Diskussionskultur sowie studentisches Engagement, das in Form von autonomen Seminaren immer wieder die offizielle Lehre durch kritische Ansichten ergänzt. Auch Anwesenheitslisten gibt es nicht. Und wenn ein Prof doch mal versucht, welche einzuführen, wird das konsequent angesprochen und boykottiert."