Die Wohnungsnot unter Studenten ist groß. In Göttingen starten manche im Zeltlager und auf Feldbetten ins Wintersemester. Eine Exkursion in die Kälte

Johannes Schmidts erste Studentenbude ist zwei Quadratmeter groß, türkisgrün und lässt sich mit einem Reißverschluss öffnen. Im Inneren liegt zusammengeknüllt ein Schlafsack, in der anderen Ecke eine Packung Tabak und ein Buch. "Die Trolle", ein Fantasy-Roman, 767 Seiten. Ein Schreibtisch passt nicht rein.

Johannes Schmidt ist 20 Jahre alt und kommt aus Kassel. Seit Anfang Oktober studiert er Materialwissenschaften an der Georg-August-Universität in Göttingen. Noch immer steht er vor dem gleichen Problem wie viele Erstsemester hier: Er hat keine Wohnung. Johannes Schmidt hat nur ein Zelt.

Die Studentenstadt Göttingen blickt auf eine lange Tradition zurück. Bismarck hat hier studiert, Nobelpreisträger haben hier geforscht, die Brüder Grimm haben hier gelehrt. Was Göttingen nicht hat, sind genug Wohnungen, die sich ihre Studenten leisten können. Sie kämpfen mit der Wohnungsnot, wie so viele in ganz Deutschland. In Bonn wohnen die Studenten im Waggon, in Kiel im Seniorenheim, in Jena in verlassenen Kinderzimmern. Und in Göttingen eben in einem Zeltlager, das Studenten im Garten eines Wohnheims aufgebaut haben.

Vor drei Jahren wurde es langsam eng in der Stadt. Erst spülten die Gymnasien mit der G8-Reform zwei Abiturjahrgänge an die Unis, jetzt sind in Niedersachsen die Studiengebühren weggefallen. Auf knapp 120.000 Einwohner kommen in Göttingen 30.000 Studenten, 20.000 leben in der Stadt. Mehr geht im Moment nicht. Für manche beginnt das Studentenleben deshalb irgendwo zwischen Freiluft-Kommune und Camping-Urlaub auf Grönland.

Es ist ein kalter Montag, früher Nachmittag. Johannes Schmidt sitzt auf einer Bierbank, er hat sich die rote Kapuzenjacke tief über den Kopf gezogen. Rechts von ihm sind die großen weißen Zelte, in denen es nachts zieht, weil man sie nicht richtig zumachen kann. Die Studenten schlafen auf Feldbetten oder breiten ihre Isomatte auf Europaletten aus. Im hinteren Teil des Gartens ducken sich die bunten Einmannzelte auf der Wiese und links steht das orientalisch geschwungene Wohnzimmer des Zeltlagers, die Jurte. Oben hat sie ein Loch, damit der Rauch vom Lagerfeuer abziehen kann.

Klar, sagt Johannes Schmidt, es könnte ein bisschen wärmer sein, und klar, manchmal kann man sich kaum bewegen, weil es so matschig ist. Aber im Camp herrsche eine "lustige Gruppenatmosphäre", es sei eine "coole Gelegenheit, nette Menschen kennenzulernen". Mit zwei Freunden ist er aus Kassel nach Göttingen gekommen, um eine WG zu gründen. Im Camp haben sie jemanden kennengelernt, jetzt suchen sie zu viert.

Studieren ist im Zeltlager schwierig und momentan eher Nebensache. Mal sieht man jemanden über ein Buch gebeugt in einem der abgerockten Sessel sitzen, ab und zu diskutieren ein paar Physikstudenten ihren Stundenplan. Die Camper sind alle ein bisschen hinterher mit dem Stoff, aber das Semester ist jung und die Wohnungssuche und die Gruppenatmosphäre haben erst einmal Vorrang.

Jeden Abend kochen sie zusammen, immer vegan. Heute gibt es Chili sin Carne. Duschen können sie im Keller des Studentenwohnheims. Es gibt zwei Dixi-Klos, daneben ein provisorisches Waschbecken. Das Wasser kommt aus dem Gartenschlauch, am Tag ist es kalt und in der Nacht eisig.

Die Nächte im Zeltlager erspart sich Fabian Freytag zurzeit. Von Donnerstag auf Freitag hat es viel geregnet, zu viel für sein Zelt. Eine Stange knickte ein und das Wasser lief hinein, bis in seinen Schlafsack. Er stand auf und holte sich einen neuen, im Zeltlager liegen immer ein paar herum, die gerade keiner braucht. Dass der neue Schlafsack Löcher hatte, bemerkte Freytag erst, als er schon wieder im Zelt lag, als es zu spät war, noch einmal aufzustehen. Denn aufstehen musste Fabian sowieso früh genug, um vier war er mit Nachtwache dran, die sie eingerichtet haben, damit keine Betrunkenen über die Zelte stolpern.