Der Auszug aus dem elterlichen Heim verlief bei mir ganz klischeemäßig: Tränen in den Augen meiner Mutter, ein Rückenklopfen samt peinlich berührter Umarmung von meinem Vater, meine Knie zittrig, im Hals einen Kloß. Und das an einem verregneten Oktobersamstag. Ich winkte noch einmal aus dem vollgepackten Transporter, dann ging es los. Pünktlich zum Semesterstart fuhr ich in die mittelhessische Universitätsstadt, in der ich künftig studieren würde.

Zu Beginn telefonierte ich täglich mit meiner Mutter, aber meist kurz. Oft leitete meine Mutter die Gespräche mit der Frage ein, ob es mir denn gut ginge, oder sie sagte: "Ich wollte nur mal hören, was du heute so machst." Anschließend redeten wir über so Belangloses wie den neusten Klatsch aus meinem Heimatdorf oder das Wetter. Mit der Zeit aber gewannen die Telefonate an Tiefe, womöglich, weil wir uns beide an die neue Situation gewöhnt hatten.

Mein Vater machte es sich nach meinem Auszug zur persönlichen Aufgabe, mich mit Büromaterial zu versorgen. So schenkte er mir einen Farbdrucker mit so vielen Patronen, dass sie wahrscheinlich für den Rest meines Lebens ausreichen werden. Außerdem versorgt er mich mit breiten und schmalen Ordnern, Karteikarten in allen Farben und Größen, Collegeblöcken kariert und liniert, blauen und schwarzen Kugelschreibern und mit Briefumschlägen samt Briefmarken. Wir telefonieren einmal die Woche und zu Beginn jedes Gesprächs erkundigt er sich nach dem aktuellen Stand meiner Vorräte. Nach diesem Ritual diskutieren wir dann stundenlang die Ergebnisse der Bundesliga. "Damit du besser informiert bist", posaunte er eines Tages fröhlich ins Telefon, "habe ich ein Sky-Abo für dich abgeschlossen".

Die Telefonate mit meiner Mutter verliefen bald ganz anders. Wir unterhielten uns immer häufiger über persönliche Themen und über ethische Grundsatzfragen aus meinem Philosophiestudium. Die Diskussionen mit ihr waren interessant, und ich entdeckte eine Seite an meiner Mutter, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Mittlerweile schicke ich ihr wöchentlich philosophische Texte aus meinen Seminaren und wir diskutieren über die verschiedenen Lesearten und Interpretationen der alten Griechen.

Dieser Text ist Teil der Serie "Studenten und Eltern". Uns interessiert: Wie erleben unsere Leser ihren Auszug beziehungsweise den ihrer Kinder? Welche Probleme gibt es, welche schönen Erlebnisse? Schicken Sie uns Ihre Geschichten an leser-studium@zeit.de. Die besten Einsendungen werden als Leserartikel Teil dieser Serie.