Nach dem Abitur hatte ich zwar keinen Plan, aber ich wusste, dass ich für Höheres bestimmt bin. Das konnte nicht lange gut gehen.

Kaum hatte ich mein Abitur, wurde ich schon größenwahnsinnig. Ich fühlte mich zu erwachsen für mein Kinderzimmer, mein Heimatdorf, ja für mein ganzes bisheriges Leben. Bei einem Glas Rotwein lachte ich über meine ehemaligen Mitschüler, die pflichtbewusst eine Ausbildung im Nachbardorf begonnen hatten. Ich war für Höheres bestimmt, ganz klar, und dazu gehörte im internationalen Zeitalter natürlich auch eine große Reise.

Ich flog nach Dublin, zog bei einem lesbischen Pärchen ein und genoss dessen mütterliche Fürsorge. Täglich arbeitete ich an einer Supermarktkasse, brauchte aber trotzdem weiter Geld von meinen Eltern, weil die Lebenshaltungskosten so hoch waren. Mein Trost waren die sozialen Netzwerke, da ich wenigstens dort den Anschein erwecken konnte, dass mein Leben eine wilde Konfettifahrt wäre. Nach drei Monaten war dann Schluss, ich kam pleite und ohne Plan zurück.

Im alten Kinderzimmer philosophierte ich wieder über den Sinn meines Lebens. Meine Eltern fingen langsam an zu drängeln: "Wir finden es ja schön, wenn Du bei uns bist, aber was willst du denn jetzt beruflich machen? Hast Du dich schon irgendwo beworben?" Vermutlich hatten sie Angst, dass ich mit 30 Philosophie im 12. Semester studieren und ihnen immer noch auf der Tasche liegen würde. Außerdem gab es schon Pläne für die weitere Verwendung meines Zimmers. "Vielleicht machen wir ein Ankleidezimmer daraus. Oder wir kaufen ein Kapuzineräffchen und legen in deinem Zimmer ein Gehege an."

Ich fing also an, ihnen Lebensmodelle zu präsentieren. Anfangs war die Euphorie auf beiden Seiten groß, aber nach ein paar Monaten mit vielen Plänen, Visionen und Schnapsideen, begannen meine Eltern an meiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln. Eine Entscheidung musste her.

Ich beschloss, Architektur zu studieren, und bewarb mich an vielen Universitäten für das Sommersemester. Dass ich weder im technischen Zeichnen noch mathematisch begabt bin, spielte erst mal keine Rolle. Als dann aber die Zusagen nach und nach im heimischen Briefkasten landeten, machten sich doch Zweifel breit. Schlussendlich erklärte ich meinen Eltern, dass ein Architekturstudium nicht mein Ding sei. In Wahrheit hatte ich einfach Angst. Angst vor Veränderung, vor Einsamkeit, vor dem Scheitern. Natürlich hätte ich als selbst ernannte Karrierefrau das aber nie zugegeben. Und so stellte ich meine Beine weiter unter den Tisch meiner Eltern. Der Vorwurf, dass ich sprunghaft sei, tat mir nicht weh. Nein, die Sprunghaftigkeit machte mich doch erst interessant, kreativ und unberechenbar.

Zum ersten Mal tat ich etwas wirklich Erwachsenes

Als nächstes hatte ich die fabelhafte Idee, etwas im Medienbereich zu studieren und eine dieser hippen Medientanten zu werden. Meine Eltern runzelten die Stirn und merkten an, dass die Jobchancen in der Branche ja alles andere als rosig seien. Dann tat ich das erste Mal etwas wirklich Erwachsenes: Bevor ich mich wieder Hals über Kopf in eine Sache stürzte, machte ich ein dreimonatiges Praktikum, und zwar bei einer Fernsehproduktionsfirma. Es musste ja niemand wissen, dass die Idee dafür gar nicht von mir stammte und ich mich auch nicht beworben, sondern mit einer Vitamin-B-Spritze nachgeholfen hatte.