Unsere Autorin machte ihren Selbstwert lange nur an Leistungen fest. Gescheitert kehrte sie ins Hotel Mama zurück. Und wurde an einer Massenuni ohne Prestige glücklich.

Ich bin schon dreimal von zu Hause ausgezogen. Das erste Mal mit 16, als ich mir ein Auslandssemester in Frankreich in den Kopf gesetzt hatte. Vor allem wollte ich meine Eigenständigkeit beweisen und etwas Großes wagen, was sich gut im Lebenslauf und beim Smalltalk machen würde. Ich war damals hundertprozentiger Kopfmensch, jede meiner Entscheidungen ging ich rational und strategisch an. In der Schule hatte ich damit Erfolg. Aber mit meiner Coolness sah es nicht gerade gut aus. Meine besten Freunde hatten schon mit dem Trinken, Rauchen und Flirten begonnen, und weil ich nicht mitzog, wurde ich als langweilig abgestempelt.

In der französischen Fremde war ich plötzlich mit ganz neuen Spielregeln konfrontiert. Ich fand mich bei einer erzkonservativen, streng katholischen Gastfamilie wieder. Es gab eine Ausgangssperre für Minderjährige ab 23 Uhr und knapp rationierte Duschzeiten, weil Warmwasser schließlich teuer sei. Ein Familienwechsel verschlimmerte die Situation noch. Ich bekam fortan Dosenratatouille und Tiefkühlbaguette, aber immer nur eine Portion, denn das Essen koste ja viel Geld. Die Organisation gab mir die Schuld. Ich sei zu viel Freiheit und Eigenständigkeit gewohnt und nicht bereit, mich den Regeln der französischen Gastfamilien unterzuordnen. Als ich nach dem Semester völlig ausgelaugt wieder nach Hause kam, empfing mich meine Mutter wie eine verlorene Tochter. Gleichzeitig machte sie mir aber auch Vorwürfe. Die Sache mit Frankreich wäre eine Schnapsidee gewesen und ein großer Fehler. Mein Fehler.

Ab diesem Moment diagnostizierte sie immer wieder Beratungsresistenz und einen egoistischen Sturschädel bei mir. Außerdem war sie viel strenger, weil sie überzeugt war, ihre Erziehung hätte mich zur Mimose gemacht. Nun gelte es, mich auf die Härte der Realität vorzubereiten, was mich zutiefst verunsicherte. Sie war immer mein Nabel der Welt gewesen, da ich als Einzelkind ohne Vater oder sonstige familiäre Unterstützung aufgewachsen war. Ich wusste, dass auch sie unter der kühlen Distanz litt, die nun zwischen uns herrschte. Trotzdem konnte ich nur schwer damit umgehen.

Mein Matura-Durchschnitt von 1,1 öffnete mir die Tür zum Psychologiestudium an der Exzellenzuni Heidelberg. Ich fühlte mich in dem Glauben bestätigt, mit Intellekt mein Schicksal lenken zu können. An der Uni sah ich mich lauter perfekten Lebewesen gegenüber: Kommilitoninnen und Kommilitonen, die klug, sympathisch, hübsch, sozial und sportlich waren und außerdem noch sonntags ehrenamtlich Migranten Deutschnachhilfe gaben. Obwohl ich einige verwandte Seelen fand, fühlte ich mich um meine Besonderheit gebracht. Ich entwickelte eine Essstörung, die mich derartig schwächte, dass mich irgendwann selbst das Wäschewaschen überforderte. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Für Hobbys oder Spaß hatte ich keine Kraft mehr. Zudem verzweifelte ich an Statistik.

Ich hatte meinen Selbstwert allein an Leistungen festgemacht

Gebrochen kehrte ich ins Hotel Mama zurück. Schon wieder war ich gescheitert. Ich war desillusioniert, schämte mich und beneidete meine Freunde, die auf allen Kontinenten der Welt Schildkröten, Waisenkinder oder Regenwälder retteten. Ich spürte die Ratlosigkeit meiner Mutter, ihre Enttäuschung, ihr schwindendes Vertrauen in mich. Das darauffolgende halbe Jahr war wohl das schwierigste meines Lebens. Ich musste eine Essstörung überwinden, meine Lebensfreude zurückerobern und mich erneut der großen Zukunftsfrage stellen, obwohl ich weniger denn je wusste, was ich wollte. Immer noch hinderte mich mein Ehrgeiz, der an Größenwahn grenzte, daran, klar zu sehen, was gut für mich war, was mich wirklich interessierte. Bisher war es mir hauptsächlich darum gegangen, höher, besser, weiter zu kommen, weil ich meinen Selbstwert allein an meinen Leistungen festmachte.