Essen, spielen, waschen, kochen, müdespielen, schlafen. Abends fühlt sich unsere Autorin leer. Nur Kind, das reicht ihr nicht. Und zum Studieren fehlt die Kraft.

Die Kleine sitzt neben mir im Bett, zeigt auf das Fenster, hinter dem es gerade hell geworden ist, und sieht mich ernst an. "Da." Und ich weiß, was das heißt. Der Tag beginnt, die Stechuhr läuft. Niemand hat Disziplin wie ein kleines Kind.

Pünktlich um 6 Uhr 30 schlägt sie die Augen auf und weckt mich mit einem kräftigen Griff in die Haare. Schmerzhaft. Sowohl das Haareausreißen als auch das frühe Aufstehen. Jeden Tag. Auch am Sonntag.

Ein Tag mit der Kleinen fängt früh an, teilt sich ein in: essen, spielen, schlafen, spazieren gehen, Muttitreffen, bettfertig machen, müdespielen und dann schlafen. Zwischendrin wird Wäsche gewaschen, der Abwasch gemacht, eingekauft, Essen gekocht, Spielsachen zur Seite geräumt und wenn ich richtig gut bin, Mails beantwortet.

Den ganzen Tag über versuche ich mein Adlerauge wachsam zu halten, weil die Kleine jetzt läuft. Und trotzdem kippt sie gegen das Plattenregal, was zu einem ansehnlichen blauen Fleck am Kopf führt. Während ich versuche ruhig zu bleiben, damit ich die Kleine trösten kann und gleichzeitig die möglichen und häufigsten Anzeichen einer Hirnblutung recherchiere, denke ich, dass ich jetzt völlig den Verstand verliere. Ich prüfe ihre Pupillenreaktion und suche nach Verhaltensauffälligkeiten, mache mir Vorwürfe und muss meinen Freund anrufen, damit er mir bestätigt, dass ich überreagiere. Dieser erste schlimme blaue Fleck am Kopf war die Faust eines trainierten Hundertzwanzig-Kilo-Mannes in meine Magengrube. Ich würde mir jetzt gerne einen Scotch genehmigen, wie in so einem Fünfzigerjahrefilm. Apfelschorle muss reichen.

Um halb neun ist der Tag vorbei. Meine Zeit beginnt. Meistens sitze ich auf dem Sofa, die Haare stehen wüst vom Kopf ab, ich habe Breiflecken auf meiner heute frisch angezogenen Leggins und blicke trübe die gegenüberliegende Wand an. Vielleicht denke ich kurz an den Essay, den ich schreiben wollte, blicke an mir hinunter und überlege ob es jetzt sinnvoller wäre sich zu duschen oder doch besser mit dem Studium voranzukommen.

In den Semesterferien, die zwar Ferien heißen, aber eigentlich auch nur vorlesungsfreie Zeit, weiß jeder Student: Es gibt Dinge zu tun. Essays schreiben, Hausarbeiten, Lektüre. Ich bin da keine Ausnahme. Alles im Semester zu schaffen hat sich als unmöglich herausgestellt. Trotzdem bleibt es bei dem Deal, dass ich studieren darf, aber die Semesterferien meinem Freund gehören, damit er auch Zeit für sich und seine Arbeit hat. Und das ist mehr als fair. Ich weiß das. Nur fühlt es sich trotzdem nicht immer wirklich gut an.

Nach so einem Tag, der mich manchmal an den Rand meiner Kräfte und Nerven bringt, setze ich mich an den Tisch im Wohnzimmer, schlage meine Bücher auf und versuche mich zu konzentrieren. Und es geht nicht. Ich bin müde und meistens gleichzeitig unruhig, weil ich zwar Dinge getan habe, aber die zählen eben manchmal nicht.

Klar, die Zeit mit der Kleinen zählt natürlich und es ist der Hammer, dass sie immer in die Richtung geht, in die ich gerade eigentlich nicht gehen wollte. Und, dass sie nicht mal einen Meter vom Boden absteht, als laufender Mensch, das ist die pure Freude. Aber ich verschwinde manchmal in so einem Tag. In einem Takt, der nicht meiner ist. Und plötzlich habe ich das Gefühl es gibt zwei Zeitzonen und ich bin von halb sieben morgens bis halb neun abends fremdgesteuert. In einem Land jenseits meiner Zeit, in dem es nicht mehr darum geht, was ich will.