Und plötzlich sieht sie den eigenen Vater im Gerichtssaal wieder: Manchmal zahlen weder Bafög-Amt noch Eltern. Wie drei Studenten damit umgehen

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe, die wir in dieser Woche dem Thema "Bafög" gewidmet haben. Was ein Experte zu den Problemen sagt, die in diesem Artikel geschildert werden, lesen Sie im Interview. Außerdem können Sie in diesem Quiz überprüfen, was Sie über das Bafög wissen.

Wenn Studenten kein oder nur wenig Bafög bekommen, haben ihre Eltern dem Gesetz nach genügend Geld, um für den Unterhalt ihres Kindes zu sorgen. Doch was, wenn sie ihre finanzielle Unterstützung verweigern? Dann bekommt der betroffene Student weder Bafög noch Unterhalt von seinen Eltern. Drei Studenten erzählen, was sie in einer solchen Situation getan haben.

Mit dem Anwalt gegen den eigenen Vater

Stefanie R., 24 Jahre alt*:

"Vor gut drei Jahren saß ich meinem Vater an einem langen Tisch gegenüber. Er war merkwürdig still, schaute mich kaum an. Mein Vater ließ nur die Frau reden, die links neben ihm saß. Zweieinhalb Stunden dauerte das Gespräch. Doch am Ende einigten wir uns. 430 Euro monatlich, das war’s. Mehr konnten wir nicht rausholen, aber es war okay. Und noch länger warten konnte ich nicht. Es war der 10. Dezember 2011 und seit dieser Verhandlung im Gerichtssaal habe ich meinen Vater nicht wieder gesehen.

Diese mündliche Verhandlung war das Ergebnis eines einjährigen Briefverkehrs zwischen meinem Anwalt und dem meines Vaters, in dem sie sich nicht einigen konnten. Es ging um mich, genauer gesagt um meinen Unterhalt. Denn ich bekomme kein Bafög, weil mein Vater zu viel verdient, aber auch keinen Unterhalt, weil er sich seit der Scheidung von meiner Mutter immer mehr von der Familie abgekapselt hat.

Den Bafög-Antrag stellte ich zu Studienbeginn, das war vor fünf Jahren. Ich studiere Deutsch und Englisch auf Lehramt in München, mittlerweile im neunten Semester. Meine Mutter ist Kindergärtnerin. Mehr als das Kindergeld für mich war von ihrer Seite aus nicht drin. Denn ich habe noch drei Brüder, für die sie auch sorgen muss. Ohne Bafög hatte ich monatlich einfach zu wenig Geld. Es musste etwas passieren.

Dabei wollte ich den rechtlichen Weg gar nicht gehen. Bevor ich einen Anwalt einschaltete, fuhr ich zur Wohnung meines Vaters. Ich sagte ihm, dass ich sein Geld brauchte, um studieren zu können. Er sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, er würde zahlen. Aber es kam kein Geld. Ich hatte keine Wahl. Entweder ich würde mein Studium deswegen abbrechen oder ich nahm mir das, was mir zustand. Ein letzter Anruf, als es finanziell überhaupt nicht mehr ging: "Es geht nicht anders. Ich muss zum Anwalt gehen." – "Ja, dann geh halt." Der nächste Kontakt mit meinem Vater war dann im Gerichtssaal, gut ein Jahr später.

Dort einigten sich unsere Anwälte auf einen Vergleich. Ich sollte 430 Euro monatliche Unterhaltszahlung bekommen, rechtlich zugesichert mit einem Unterhaltstitel. Doch trotz des Titels weigerte sich mein Vater zu zahlen. Mein Anwalt drohte mit einer Lohnpfändung, aber die Pfänderin, die tatsächlich einmal bei meinem Vater zu Hause war, konnte nur 100 Euro mitnehmen. Dann schrieb mein Anwalt, dass er einen Haftbefehl anordne, sollte das Geld weiterhin nicht kommen. Das wirkte. Mein Vater überwies mir einmalig 3000 Euro.

Dieses Geld durfte ich nicht behalten. Ich musste es direkt ans Bafög-Amt weiterleiten. Das lag daran, dass ich schon seit der Zeit vor der Gerichtsverhandlung vom Bafög-Amt Vorausleistung beziehe. Damit übernimmt das Amt zunächst den Unterhalt, für den ansonsten der nicht zahlende Elternteil zuständig wäre. Natürlich muss ich dem Amt das Geld zurückgeben, wenn mein Vater dann plötzlich doch etwas überweist.

Hätte ich damals, als mein Bafög-Antrag abgelehnt wurde und mein Vater nicht zahlte, gewusst, dass das Bafög-Amt eine Rechtsabteilung hat, die sich um solche Fälle wie meinen kümmert, hätte ich mir keinen Anwalt gesucht. Sondern ich hätte sofort Vorausleistung beantragt und es dem Bafög-Amt überlassen, sich das Geld von meinem Vater zurückzuholen. Nur wurde mir damals von meiner Sachbearbeiterin geraten, einen privaten Anwalt zu suchen. Mit dem war ich ja auch zufrieden, denn letztendlich habe ich vor Gericht einen Unterhaltstitel bekommen, aber ich hätte mir eine Menge Zeit und lästige Briefe erspart, wäre ich direkt zum Bafög-Amt gegangen. Mittlerweile hat mein Anwalt den Fall ans Amt abgegeben. Aktuelle Informationen bekomme ich nur über meine Sachbearbeiterin. Vor Kurzem erwähnte sie beiläufig, dass gerade wieder ein Gerichtsprozess laufe: Mein Vater zahlt immer noch nicht.

Trotzdem nehme ich dem Bafög-Amt nichts übel. Als die Gerichtsverhandlung zu Ende war und ich trotz meines Unterhaltstitels auf mein Geld warten musste, wurde ich sehr krank. Für mehr als ein Semester lag ich im Krankenhaus. Zu dieser Zeit habe ich viel Unterstützung vom Bafög-Amt erfahren. Außerdem war es kein Problem, meine Vorausleistungsansprüche um meine Krankenzeit zu verlängern, da ich natürlich länger studieren musste, als es die Regelstudienzeit vorsah."

*Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Namen und Details aus den Biografien verändert, um die Anonymität zu gewährleisten