Eindrucksvoll waren die Bilder an den Bahnhöfen dieses Landes: "Refugees welcome!", riefen Menschen unter buntbemalten Pappschildern. Sie reichten denjenigen Obst und Wasser, die ohne Sack und Pack hier ankamen. Nicht das Bild skandierender Nationalisten dominierte die internationale Presse; es war jenes der zigtausend freundlichen Begrüßungsdemonstranten. Unter ihnen waren auch unzählige von uns Studenten. Nun aber endet die vorlesungsfreie Zeit. Der Alltag hat uns wieder.

Nach diesem bemerkenswerten Willkommensrausch muss die Hilfe weitergehen. Nicht nur die Erstaufnahme der Flüchtlinge bringt die Verwaltung und Versorgung an ihre Grenzen – die dauerhafte Integration erfordert die wohl größte Anstrengung. Ob die Begleitung bei Behördengängen, der Deutschkurs für die ganze Familie oder die ganz praktische Integrationshilfe beim Zurechtfinden im öffentlichen Nahverkehr: Nur wenn auch weiterhin alle mit anpacken, können wir das wirklich schaffen.

Doch können wir Studenten das tun, zwischen Professorensprechstunde und Lektüreseminar? Wie vereinbar ist unser Studentenalltag mit dem Engagement für Flüchtlinge? Einfach weitermachen und dafür ein Semester dranhängen? Schon aus finanziellen Gründen für viele eine unmögliche Option. Alleine das Bafög-Amt zahlt nur die Regelstudienzeit. Dabei lernen wir durch Engagement oftmals mehr als in jedem Seminar, nicht nur über die Geflüchteten und ihr Herkunftsland, sondern auch über uns selbst. Offenheit und Toleranz kommen nicht von allein – man muss sie üben.

Die Leitungen der Hochschulen sind jetzt gefordert! Die praktischen Tätigkeiten der Studenten müssen anerkannt werden. Neue Module müssen Integrationsarbeit erfassbar und anerkennbar machen. Neben deutscher Gründlichkeit ist jetzt auch deutsche Flexibilität gefordert, forderte schon die Kanzlerin.

Wenn Lehramtsstudenten Flüchtlinge in Deutsch unterrichten, könnten sie sich das doch als Nebenfach anrechnen lassen. Anfänge gibt es bereits: Das Studium sieht Praxissemester oder begleitende Praxisstudien vor. Die Bielefelder haben mit "Refugees welcome!" ein flüchtlingsbezogenes Projekt in den Katalog praxisnaher Arbeit aufgenommen. Möglichkeiten dieser Art müssen an allen Unis ausgebaut werden.

Wieso machen wir nicht möglich, dass angehende Juristen über das internationale Büro einer Hochschule Rechtsberatung für Asylbewerber leisten und Schlüsselqualifikationen erwerben? Mehr Einblick in das praktische Arbeiten eines Anwalts geht nicht. Ein mittlerweile preisgekröntes Beispiel gibt es an der Uni Halle, das "Praxisprojekt Migrationsrecht". Hier besuchen Studenten Flüchtlinge in ihren Unterkünften, um sie auf mehreren Sprachen über das deutsche Asylrecht aufzuklären.

Vielerorts wird sich außerdem für eine kostenlose und leicht zugängliche Gasthörerschaft für Flüchtlinge eingesetzt. Tandemprojekte, die die Integration an den Unis erleichtern sollen, entstehen. Mithilfe der internationalen Büros übernehmen Studenten Patenschaften für Geflüchtete. Sie bringen ihnen Abläufe an der Hochschule näher oder unterstützen sie bei überforderndem Papierkram. Nicht weniger wichtig ist der soziale Kontakt, das Kennenlernen unserer Gesellschaft und der kulturelle Austausch. Mancherorts treffen sich die Neuankömmlinge mit anderen Studenten, um gemeinsam zu kochen. Dies hilft uns, Vorbehalte abzubauen und die neuen Kommilitonen zu integrieren.

Wenn bereits Erstsemester Leistungspunkte für die Teilnahme an Einführungsphasen bekommen, warum soll es dann nicht ebenfalls Leistungspunkte für erfolgreiche Tandemprojekte geben?

Hochschulen und Prüfungsämter klammern sich zu starr an ihre Modulhandbücher. Doch wer Kompetenzen durch ehrenamtliche Tätigkeit erwirbt und diese in seinem Studium zur Anwendung bringen kann, macht Erfahrungen, die im Hörsaal nicht möglich sind.

Wir befinden uns in der glücklichen Lage, dass sich unzählige Studenten freiwillig für Flüchtlinge engagieren. Das sollten die Unis nicht durch Bürokratie und Starrköpfigkeit verhindern, sondern ihren Beitrag leisten: "Wir schaffen das!"