: Elmar Tophoven

Beckett: Im Lichtstrahl der Gefangenen

Von wiehernden Maultieren und anderen Schwierigkeiten beim Übersetzen und im Umgang mit Beckett – von seinem Autofahrstil ganz zu schweigen

Claude Simon schreibt mit "Georgica" sein Hauptwerk. Französischer Geschichtsroman, europäische Chronik – ein Epos von Zeit und Welt, Krieg und Frieden, Liebe und Tod: Endstation Fortschritt

Alt muß sein, wer ein so kühnes Buch zu schreiben wagt. Dabei hat Claude Simon, am 10. Oktober 1913 als Sohn eines französischen Kolonialbeamten in Tananarivo auf Madagaskar geboren, sechs Jahre geschwiegen, ehe er diese Summe seines erzählerischen Werkes veröffentlicht hat, 1981 in Paris, vier Jahre ehe er, auch für dieses Welten-Epos, den Nobelpreis für Literatur erhalten hat.

Zeitmosaik

Er war ein Meteorit, der plötzlich und heftig an unserem Firmament aufkreuzte, mit einer großen Einsamkeit der Gedanken und einer unglaublichen Kraft, zu der man manchmal nur schwer Zugang finden konnte.

Die zermalmende Zeit

In Frankreich gilt Claude Simon als der legitime Erbe Prousts. Dessen großes Thema "Zeit und Erinnerung" wurde von keinem der neueren Romanciers mit gleicher Radikalität in die Romanform übergeführt.

Der Verweigerer

Samuel Becketts zweiter Roman "Watt" wurde unter prekären – politischen Verhältnissen geschrieben. In den Jahren 1942/44 war Beckett mit seiner Frau vor der Gestapo in das Department Vaucluse geflüchtet und verdiente dort sein Geld als Landarbeiter.

Die Pünktchen der Nathalie Sarraute

Walter Benjamin entdeckte das Thema bei Baudelaire und zitierte dessen Zeilen über Constantin Guys: "... wie er dasteht, über den Tisch gebeugt, mit der gleichen Schärfe das Blatt Papier visiert wie am Tag die Dinge um ihn herum; wie er mit seinem Stift, seiner Feder, dem Pinsel ficht; Wasser aus seinem Glas zur Decke spritzen und die Feder an seinem Hemd versuchen läßt; wie geschwind und heftig er hinter der Arbeit her ist, als fürchte er, die Bilder entwischten ihm.

ZU EMPFEHLEN

ES ENTHÄLT Materialien zu einem bedeutenden Beckett-Stück: Probenprotokolle von der Londoner "Endspiel"-Aufführung von 1964 und von der Berliner Inszenierung von 1968, die beide unter Becketts Aufsicht entstanden, einen Aufsatz von Peter Brook, einen Arbeitsbericht des Beckett-Übersetzers Elmar Tophoven und einen Aufsatz des Berliner Hamm-Darstellers Ernst Schröder über seine Zusammenarbeit mit Beckett.

ZU EMPFEHLEN

FÜR Leser, die mit dem Kommunisten Ernst Fischer Optimismus für verbrecherisch halten – Samuel Beckett: "Film" / "He Joe" in drei Sprachen, Deutsch von Erika und Elmar Tophoven; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 76 S.

Revolution – ein Kreisen

Jeder Verleger eines anspruchsvollen Buches, das mehr aus Wahrnehmungsvorgängen und Assoziationen denn aus einer erzählbaren Handlung besteht, versucht im Klappentext dem Leser Handfestes zu suggerieren, nämlich eine Fabel.

Roman als Mikroskop

Die literarische Avantgarde macht es dem Leser nicht leicht. Jüngere und ältere Experimentatoren scheinen sich darüber einig zu sein: warum einfach, wenn es auch kompliziert geht.

Mittwoch, den 2. März, das Hörspiel:: Die Lüge

Nathalie Sarraute klopft in ihrem neuen (von Elmar Tophoven sprechbar übersetzten) Hörspiel die Lüge ab. Nicht der Lügner interessiert sie vor allem, der Mensch ist von zweitrangiger Bedeutung, der Bezug aufs Menschliche hat nur den Sinn, das Thema Lüge beim Brodeln zu erhalten: Insofern ist es ein abstraktes Werk, in besonderem Maße angewiesen auf die nachschöpferische Phantasie des Hörers und ganz ungeeignet für den Naturalismus und die "Gegenständlichkeit" des Fernsehens.

In Deutschland noch immer verkannt

l n Deutschland löst die Begegnung mit dem französischen Roman der Gegenwart, den man unter dem Stichwort nouveau roman zusammenfaßt, verschiedenartige Reaktionen aus.

Endspiele und Stimmen

Wie sein Freund und Lehrer James Joyce ist Samuel Beckett Sprachwissenschaftler, Sprachvirtuose und Sprachästhet, und wie bei Joyce, der von sich behauptete, er interessiere sich nur für Stil, entfaltet sich seine dichterische Welt als Sprachkosmos.

Balance-Akt im totalitären Staat

am Zeug flicken oder blind Weihrauch spenden. Beides wäre ungerecht. Er ist nicht das vollkommene Kunstwerk, und er ist dennoch ein Buch, das größte Beachtung verdient.

Menschliches, Unmenschliches

Wer beschreibt die Welt in den Romanen Balzacs...?Wer ist dieser allwissende, allgegenwärtige Erzähler, der an allen Orten gleichzeitig ist.

Schreiben als Lebensrettung

Man spricht von mir", heißt es in seinem vorläufig letzten Werk, "der Uralte ohne Ende (sie!), der die ganze Schöpfung begräbt bis zum letzten Lumpen.

Östlich, östlicher, am östlichsten

für westliche Leser dürfte der Hauptwert, d e s der Tiere mit der nüchternen Beschreibung eines Rumänische Politiker, rumänische Finanziers und Großgrundbesitzer waren im Westen nie gut angeschrieben.

Im Dunkel der Seele

Als der Franzose Jean Cayrol 1947 seinen Roman „Je vivrai l’amour des autres“ veröffentlichte, nahm die seitdem als „Neuer Roman“ bekanntgewordene und bei manchen Lesern in Verruf gekommene literarische Bewegung zur Rettung einer, wie es scheint, im argen liegenden Kunst ihren Anfang.

Die Avantgarde von 1957

Ins deutsche Theater drang eine Gruppe französisch schreibender Autoren ein, für die sich die Bezeichnung "Pariser Avantgarde" einbürgern will.