: Joachim Kaiser

Nach den „Großen Pianisten“, die Joachim Kaiser vorstellte, wollen wir jetzt berühmte Geiger unserer Zeit porträtieren: Aristokrat auf dem Podium

Im zweiundzwanzigsten Heft des Jahrganges 1964 bezeichnete das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den am 31. Dezember 1904 in Odessa geborenen Nathan Milstein als „Bravourstück-Virtuosen“, in der einundvierzigsten Ausgabe des Jahres 1965 rühmte es unter anderem seine Bach- und Sarasate-Kunststücke und vermerkte nicht nur, daß er der bestbezahlte Violinist der Welt sei, sondern auch Heifetz übertrumpft habe – im Ping-Pong.

Große Pianisten der Gegenwart (5): Triumph der Individualität

Es ist auffallend, daß Wilhelm Kempff, jener deutsche Pianist, den heute viele für einen der bemerkenswertesten Interpreten unserer Zeit halten, gerade nicht an Tiefsinn, „Weihe“ und Abgründigkeit (wie man es doch vom typisch germanischen Musiker erwarten möchte) die klavierspielende Weltelite zu übertreffen scheint, sondern eher an Individualität, einer oft bis ins Kokette reichenden Phrasierungsintelligenz und an sensiblem Charme.

Trostloses Fremdgehen

Oh, wie trostlos sind die kleinen deutschen Städte!“ – Dostojewskis Stoßseufzer („Der Spieler“), den Eckhard Henscheid als Motto einem der Prosastücke vorangestellt hat, die der Band „Die drei Müllerssöhne“ versammelt, gibt nicht nur diesen Glossen, Märchen und Erzählungen ein Leitmotiv; er ist vielmehr auch eins der Kraftzentren, die Henscheids Werk im Ganzen organisieren.

Joachim Kaiser:: Ein Journalist, der nicht schrieb

Unter den Tageszeitungen, „die zählen“, steht die Süddeutsche ganz vorn, manchem an der Spitze. Bajuwarisch im Lokalteil, liberal in der großen Politik, kosmopolitisch im Feuilleton, unerschrocken und verantwortungsbewußt von der ersten bis zur letzten Seite, nötigt sie „Linksintellektuellen“ wie „Rechtskonservativen“ immer wieder mindestens Respekt ab.

Brief an einen ganz jungen Autor

Geht es hier um „Interna“ des Literaturbetriebes? Gewiß insofern, als die von Martin Walser geschilderten Szenen nur einem kleinen Kreis von Literaten vertraut sind.

Zu empfehlen

ES ENTHÄLT (zwischen einem Vorwort von Thilo Koch und einem – besonders empfehlenswerten Nachwort von Max Horkheimer) zehn Essays, und zwar über Moses Mendelssohn (von Paul Schallück), Heinrich Heine (von Rudolf Walter Leonhardt), Karl Marx (von Heinrich Böll), Max Liebermann (von Wolfgang Koeppen), den „deutschen Idealismus der jüdischen Philosophie“ (von Jürgen Habermas), Gustav Mahler und Arnold Schönberg (von Joachim Kaiser), Rathenau (von Rudolf Hagel-Stange), Kafka (von Walter Jens), die Berliner Kritik (von Walther Kiaulehn) und Sigmund Freud (von Alexander Mitscherlich).

Theater

Am Ende der 12. Internationalen Theaterwoche der Studentenbühnen war in Erlangen viel von Krise, Ende, Tod der Institution zu hören.

Funk: Es war in jeder Weise ein gemischtes Vergnügen

Drei Stunden lang sendete das Dritte Programm des Norddeutschen Rundfunks und des Senders Freies Berlin Ausschnitte aus den Lesungen und Diskussionen der diesjährigen Tagung der Gruppe 47 in Berlin, im Hause des "Literarischen Colloquiums" am Wannsee.

Walter Jens:: Mein Sanatorium

Es könnten, von einem aparten Rasensprenger benetzt, die Rhododendren in S. Fischers Garten sein; aber genausogut die von Emailletäfelchen gekrönten Schubladen des Aktenschranks, drinnen im Hause, zur Rechten der Freitreppenfront.

Hermann Naber:: Die „Ermittlung“ in der Presse

Als der Auschwitz-Film „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais 1955 bei den Filmfestspielen in Cannes vorgeführt werden sollte, mußte er auf den Protest des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik hin zurückgezogen werden.

Der Risiko-Spieler

Ich bin ganz überrascht, aber es gefällt mir hier in München", sagt Hans Magnus Enzensberger. Wir stehen an der bis zum Boden reichenden Glasfront seiner Eigentumswohnung und sehen auf Schwabing hinab.

Das waren noch Zeiten

Gewiß, „eine bedeutende Schrift ist, wie eine bedeutende Rede, nur Folge des Lebens; der Schriftsteller so wenig als der handelnde Mensch bildet die Umstände, unter denen er geboren wird und unter denen er wirkt“ – aber Goethe, der 1795 so materialistisch argumentierte, rückte ebenso deutlich wie entschlossen von den „Umwälzungen“ ab, die eine Veränderung der gesellschaftlichen und literarischen Situation hätten bewirken können, und hielt sich lieber an „eine Art von unsichtbarer Schule“, in der „fast jedermann gut schreibt“.

Was erwarten Sie von der Buchsaison 1960?

Diese Frage beantworten dreizehn führende Buchkritiker: Günter Blöcker, Willy Haas, Hans Hennecke, Walter Jens, Joachim Kaiser, Hans Mayer, Siegfried Melchinger, Marcel Reich-Ranicki, Friedrich Sieburg, Wolf Jobst Siedler, Karl Silex, Ernst Stein und Gody Suter.

Joachim Kaiser:: Fluch der Vollständigkeit

Erstlinge haben es leicht; man schaut nur auf die Vorzüge und achtet der Fehler nicht. Sie dürfen autobiographisch wirken oder mit einem Selbstmord enden, der bittere Vorwürfe gegen die Welt einschließt, können überquellend, ungezügelt und maßlos sein.

Warum ...

... verprellen Menschen andere, wenn sie Mißmut oder Traurigkeit zu erkennengeben? Warum ist der strahlende Held, der sunnyeverybody, der Frauenbetörer und Partylöwe so viel mehr „Identifikationsangebot“ als etwa der Grübler und Melancholiker? Kann man sich Anthony Perkins als Präsidenten der USA vorstellen? Kann man sich – Joachim Kaiser stellte das makabre Tableau einmal auf – Franz Kafka vor der obligaten Chrysanthemen-Rampe als Paulskirchen-Redner denken? Es muß keineswegs eine schenkelklatschende Weißwurstseligkeit im Dunst des Oktoberfestzelts sein, die Leute „anzieht“; aber zieht Nachdenklichkeit sie gleichsam aus? Stört da eine seelische Nacktheit, ist es die taktlose Unerfreulichkeit, mit der manche Leute auf das nichtssagende „Wie geht’s denn?“ einem tatsächlich sagen, daß sie Nierenschmerzen oder Stuhlgangbeschwerden hatten, statt des üblichen „Danke, gut“.

Jung Siegfried auf Altherrenjagd

Die hierin spitz oder grob Erstochenen sind sämtlich Angehörige der vorangegangenen Rezensenten-Generation: Neben Reich-Ranicki liegen die Leichen von Horst Krüger und natürlich Joachim Kaiser und Friedrich Luft; auch Heißenbüttel und Jens sind zu beklagen, aber am meisten zerrupft werden Baumgart und Walser, der schleunigst aus Amerika zurückkehren sollte, denn inzwischen ist zu lesen: „Wie man in Ärsche so kriecht, daß es aussieht, man trete rein“; dieses Talent habe Walser in den sechziger Jahren zur Perfektion entwickelt, meint Hermann Peter Piwitt in einem auch sonst kessen Aufsatz „Klassiker der Anpassung“.

Nachschrift zur Wagner-Diskussion

Nachdem der Wagner-Diskussion in der ZEIT einige Passagen aus dem Vortrag „Wagners Aktualität“ vorangestellt waren, den ich im vergangenen Jahr bei den Berliner Festwochen hielt und der nun in einem Bayreuther Programmheft steht; und nachdem die Diskussion in weitem Maß, zustimmend oder kritisch, an jene Thesen und das von mir zu Wagner Gedachte anknüpfte, ist es vielleicht nicht ungebührlich, wenn ich zu der Kontroverse einiges Abschließende zu sagen versuche und zugleich meine eigene Position einigermaßen klarstelle.

Ansichten über Heinrich Böll

Wer wollte es bezweifeln: die deutsche Böll-Kritik war in letzter Zeit ihrer Sache nicht ganz so sicher. Welch seltsames Phänomen ist dieser Autor auch! Er hatte zunächst nichts anderes zu bieten als Nachkriegsschicksale – und wurde der meistgelesene deutsche Erzähler.