: Joachim Kaiser

Warum ...

... verprellen Menschen andere, wenn sie Mißmut oder Traurigkeit zu erkennengeben? Warum ist der strahlende Held, der sunnyeverybody, der Frauenbetörer und Partylöwe so viel mehr "Identifikationsangebot" als etwa der Grübler und Melancholiker? Kann man sich Anthony Perkins als Präsidenten der USA vorstellen? Kann man sich – Joachim Kaiser stellte das makabre Tableau einmal auf – Franz Kafka vor der obligaten Chrysanthemen-Rampe als Paulskirchen-Redner denken? Es muß keineswegs eine schenkelklatschende Weißwurstseligkeit im Dunst des Oktoberfestzelts sein, die Leute "anzieht"; aber zieht Nachdenklichkeit sie gleichsam aus? Stört da eine seelische Nacktheit, ist es die taktlose Unerfreulichkeit, mit der manche Leute auf das nichtssagende "Wie geht’s denn?" einem tatsächlich sagen, daß sie Nierenschmerzen oder Stuhlgangbeschwerden hatten, statt des üblichen "Danke, gut".

J.M-M.: Der Verriß

Die Kompetenz von Joachim Kaiser, dem prominenten Redaktionsmitglied der Süddeutschen Zeitung, kann nicht angezweifelt werden.

Studien über General Beck: Im Bunde mit dem Teufel?

drei Studien zum Verhältnis. von Heer und nationalsozialistischem System, verbuchte Vorträge des Professors der Hamburger Bundeswehrhochschule, in deren Zentrum immer Ludwig Beck steht, bis 1938 Generalstabschef unter Hitler, dann Haupt der Militärs unter den Verschwörern des 20.

Zeitmosaik

So weit sind wir mittlerweile gekommen. Junge Leute lernen in der Schule Literatur als etwas kennen, was ihnen mühsam erklärt wird und worüber sie sich dann mühsam äußern müssen und was Prüfungsstoff ist.

Zeitmosaik

Normale Autoren veröffentlichen normale Bücher und freuen sich, samt ihren Verlagen, wenn möglichst bald möglichst sinnvolle, eingängige Reaktionen und Rezensionen herauskommen.

Ich bin ein mutiger Mensch

Ich würde unser Gespräch gern mit einem Kapitel Theatergeschichte beginnen. Damit meine ich nicht die Histörchen der letzten Wochen: also – was hat Herr Klose Herrn Gobert versprochen und was nicht.

Wie einer Schriftsteller wurde

Schicksal, Zufall oder Modell? Der Weg eines unbekannten Dorfschullehrers zum Autor von acht Büchern mit einer Gesamtauflage von 200 000 Exemplaren

Deutschland, deine Preise

Das muß man zweimal lesen, ehe man es glaubt: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht 1976 die (bisher noch) angesehenste literarische Auszeichnung, den Georg-Büchner-Preis (zehntausend Mark), dem Schriftsteller Heinz Piontek.

Kunstkrüppel

Das mußte ja schlecht ausgehen. Im Theater an der Wien, bei der Uraufführung von Thomas Bernhards sechstem Bühnenspiel, "Die Berühmten", durch das Burgtheater: ein gedrängtes Parkett von – nein, nicht Zuschauern, sondern Voyeuren, Schlüssellochguckern, ängstlichen Spähern aus Salzburg, schadenfrohen Spionen aus Wien, schaulustigen Gaffern aus Deutschland.

Lauter wunderschöne Stellen

Joachim Kaiser über "Beethovens zweiunddreißig Klaviersonaten und ihre Interpreten

Ist Raddatz Marx-Buch ein Plagiat?: Harichs Overkill

Die Marx-Biographie von Fritz J. Raddatz, kritisiert von Kommunisten, Antikommunisten (Golo Mann), Exkommunisten (Wolfgang Leonhard, Manès Sperber), liberalen Marx-Sachverständigen (Iring Fetscher), wäre eins von vielen Büchern geblieben, die eben Einwände auf sich ziehen – wäre ihr nicht einen Tag vor Erscheinen der vermutlich brillanteste und blutigste Verriß zuteil geworden, der in den letzten Jahrzehnten in deutscher Sprache geschrieben wurde.

Kritik in Kürze

"Romane", von Knut Hamsun. Hamsuns Romanepen, deren Gehalt er im Alter dahin zusammenfaßte: "daß ich in einem sehr langen Dichterleben mehrere hundert Gestalten geschaffen, sie innen und außen als lebendige Menschen in jedem seelischen Zustand, jedem Stimmungswechsel, in Traum und Handlung geschaffen habe", lesen sich heute so frisch wie zur Zeit ihres Erscheinens.

Ein Fußtritt für den Konsulenten

Einer der auf der Bühne Beteiligten drückte es so aus: "Man sang wie gegen eine Wand aus Eis. Gleich von Anfang an. Keinerlei Stimmung kam auf.

Die Kultur-Boutique der Presse

Um diesen Essay über das Feuilleton "feuilletonistisch" zu beginnen: Ich versetze mich zurück in die Zeit der "Trümmerjahre"; internationale Studentenbühnenwoche in Erlangen; ich war einer der jüngeren Kriegsheimkehrer, aber diesen im äußeren und geistigen Habitus einigermaßen entsprechend; man trug Klamotten, wie sie die jeunesse protestee unserer Zeit oft nur mit Mühe in den Revolutionsboutiquen zu beziehen vermag; im Brotbeutel die Rotationsdrucke, die uns eine neue geistige Welt eröffneten – etwa Kafka, Brecht, Hemingway, Faulkner, Langgässer.

Jung Siegfried auf Altherrenjagd

Die hierin spitz oder grob Erstochenen sind sämtlich Angehörige der vorangegangenen Rezensenten-Generation: Neben Reich-Ranicki liegen die Leichen von Horst Krüger und natürlich Joachim Kaiser und Friedrich Luft; auch Heißenbüttel und Jens sind zu beklagen, aber am meisten zerrupft werden Baumgart und Walser, der schleunigst aus Amerika zurückkehren sollte, denn inzwischen ist zu lesen: „Wie man in Ärsche so kriecht, daß es aussieht, man trete rein“; dieses Talent habe Walser in den sechziger Jahren zur Perfektion entwickelt, meint Hermann Peter Piwitt in einem auch sonst kessen Aufsatz „Klassiker der Anpassung“.

Kritik in Kürze

"Kritik der Literaturkritik", herausgegeben von Olaf Schwencke. Im Frühling 1971 fand in der Evangelischen Akademie Loccum ein Kolloquium statt, das die Laster des Rezensionswesens reflektierte (so sagt man doch?), und hier sind die Reflexionen – von hoher Abstraktion, aber geringer literarischer Fülle – in einem Protokollband versammelt.

Das waren noch Zeiten

Gewiß, "eine bedeutende Schrift ist, wie eine bedeutende Rede, nur Folge des Lebens; der Schriftsteller so wenig als der handelnde Mensch bildet die Umstände, unter denen er geboren wird und unter denen er wirkt" – aber Goethe, der 1795 so materialistisch argumentierte, rückte ebenso deutlich wie entschlossen von den "Umwälzungen" ab, die eine Veränderung der gesellschaftlichen und literarischen Situation hätten bewirken können, und hielt sich lieber an "eine Art von unsichtbarer Schule", in der "fast jedermann gut schreibt".

Mein Kandidat: H. Böll

Der bundesdeutsche PEN-Club hat in letzter Zeit unter neuem Management (Böll Präsident, Thilo Koch Generalsekretär, dazu Joachim Kaiser) sein früheres Image als eine Art Akademie mehr oder minder hochwichtiger Literaturpersönlichkeiten fortgeschrittenen Alters so sehr verändert, verjüngt, aktiviert, daß er in guter Zusammenarbeit mit Dieter Lattmanns Schriftstellerverband jetzt wirklich ein erfreulicher und wichtiger Faktor im literarischen Leben der BRD geworden ist.

Im Fokus des Geredes: Avantgardistisches im Anhang

Zu den letzten Rennern jeder literarischen Herbstsaison gehört eineSparte vonBüchern, die immer etwas im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, da man sich wohl zu sehr an sie gewöhnt hat.

Nur ein Tagebuch?

Nichts ist für eine menschliche Hervorbringung verräterischer, als wenn darin zu viele und zu schöne "schöne Stellen" vorkommen, die nicht zu einem Kunstwerk zusammenschießen.

Fritz Kortner und die Dämonen

Er hat den Tod nicht nur gefürchtet, wie alle Sterblichen. Er hat ihn gehaßt. Er hatte Angst vor dem Pillenschlaf. "Das Schlafmittel", schrieb er in seiner Autobiographie "Aller Tage Abend", "schleicht in den Kopf, ergreift das Hirn und bläst es aus.