: Karlheinz Stockhausen

Die Musik engagiert sich

Die Partitur: ein dünnes Heft im üblichen Einzelstimmen- oder Klaviernoten-Format, gedruckt im Eigenverlag, gebunden in schwarzes Glanzpapier.

Ich weiß nicht, wer ich bin

Ein Mann hinter Gitterstäben, in einem Käfig oder Zwinger, hinter einem Tor – oder vielleicht auch davor: Gleich zu Beginn stellt sich die Frage, wer eigentlich der Gefangene ist und worin wohl er sich gefangen hat.

Zum 10. Mal "Rencontres internationales de Musique contemporaine" in Metz – oder: Die Schwierigkeit, alte mit neuer Neuer Musik zu konfrontieren: Handwerk hat doch goldenen Boden

Einer fing sogar an zu tanzen. Kenner der lokalen Szene behaupteten zwar, er täte es ähnlich auch bei anderen Gelegenheiten, aber hier fühlte er sich offenbar besonders motiviert und inspiriert: Pünktlich mit dem Einsatz des ersten Dirigenten versuchte sich ein junger Mann kaugummikauend in einer Amateur-Version des Ausdruckstanzes, und er hielt seine anstrengenden Bemühungen durch bis an das Ende des Dreißig-Minuten-Stücks.

Rituale und Visionen

Die Avantgarde muß wieder betteln gehen. Wie weiland in den fünfziger Jahren, als keiner der großen Produzenten daran glauben wollte, daß je ein Markt auch für nur eine Mini-Auflage von Schallplatten mit zeitgenössischer Musik existieren könne, unter dem Druck der steigenden Kosten einerseits und der Kapitaleigner andererseits, die Mäzenatentum eines und Renditen ein anderes und weit wichtigeres sein lassen wollen, haben die Repertoire-Chefs allenthalben mit dem großen Rotstift nahezu alles gestrichen, was nach schwerverkäuflicher Neutönerei aussieht.

Ins Erstickt-Schleifige verzäht

Was etwa den bildenden Künstlern recht ist – und was ja auch mit einer gewissen Selbstverständlichkeit praktiziert wird –, ist für Künstler anderer Sparten, für Musiker beispielsweise, keineswegs billig und daher bislang nur selten Realität geworden: die einigermaßen kompakte "Ausstellung" des CEuvres.

Der liebe Gott der Musik

Man kann sich über ihn ärgern. Kann es beispielsweise als Hybris verstehen wollen, wenn er vor einer Uraufführung eines Stücks verkünden läßt, es möge auf keinen Fall während der Aufführung photographiert werden, weil dies die Musiker störte, die sich hier "aufs äußerste konzentrieren" müßten – als spielten die Musiker bei anderen Stücken anderer Komponisten weniger konzentriert.

Im Münchner Nationaltheater wurde zur Eröffnung der Festspiele 1978 Aribert Reimanns Oper "Lear" nach Shakespeare mit großem Erfolg uraufgeführt: Wahnsinn ist überall

Ein biblischer Prophet in einer Szene von Becken, dazu ein paar Versatzstücke aus einer nordischen Heldensage und einiges aus dem Science-fiction-Fundus: Durch eine Ödnis, wie sie trister kaum auf dem Mond zu finden wäre, durch staubig graue Felsbrocken und staubig graues Hartgras stolpert ein staubig grauer Mensch scheinbar einen Hügel hinauf, verharrt dort einen Moment, scheint sich zu besinnen, wirft dann die Arme gegen den Himmel, "Blast, Winde! Sprengt die Backen! Wütet! Blast!", steigert sich hektisch, exaltiert, überschlägt sich – ein Mann in Ekstase, ein Mensch zwischen Vision und Wahnsinn.

Avantgardist aus der Sowjetunion auf Tournee: Klaviatur der Stile

Ein paar Eingeweihte sprechen schon eine Weile von ihm: als einem der interessantesten unter den komponierenden Avantgardisten der Sowjetunion, auch jemandem also, der von der akademischen Konvention abweicht und sich nicht scheut, neue Musik von progressiver westlicher Machart zu schreiben.

Sirius oder: Worte des Kanzlers

Als Kennedy sagte: "Ich bin ein Berliner", sprach er für sich. Als Helmut Schmidt bei der Feier seines Ehrendoktorats in Baltimore sagte: "Wir sind alle Amerikaner geworden", sprach er für die Deutschen, sogar, wie er betonte, für die Europäer.

War Richard Wagner ein Revolutionär?

Not lehrt beten – oder sie gebiert Revolutionäre. Als Richard Wagner im September 1839 hastig und über Nacht mit einem Berg Schulden Riga verließ, wo er Musikdirektor am Theater war, und nach Paris türmte, hoffte er, dort seinen "Rienzi" uraufführen zu können.

Gegendarstellung

In dem Artikel zum Musiktheater im WDR in der ZEIT Nr. 12 vom 12. März 1976 wird zu dem Werk "Harlekin" folgendes behauptet: "Das Stück, verlangt der Komponist Karlheinz Stockhausen, dürfe nicht zu pädagogischen oder zu Wettbewerbs-Zwecken benutzt werden.

Blähungen

Er habe, sagt der Komponist Mauricio Kagel, ein "böses naives Stück für böse naive Erwachsene" schreiben wollen. Nun kann man wirklich nicht behaupten, Kagel habe je etwas komponiert, bei dem nicht plötzlich hinter etwas Erheiterndem, ob der Fülle der Einfälle so Kurzweiligem wie Spannendem eine gar nicht so heiter stimmende Realität sichtbar geworden wäre.

Pathos für den schattenlosen Prinzen

Offizielle, wenn auch durchaus vorsichtig und nicht gerade mit Eifer umgesetzte kulturpolitische Leitlinie für die DDR ist seit der internationalen Anerkennung die Maxime, über Kunst, über Musik anderer Traditionen, Entwicklungen, Länder und Systeme erst zu urteilen, nachdem sie anschaulich erfahren, in eigenen Aufführungen also erlebt worden ist.

Professor Kagel

Gemessen am Katalog der Werke des Beförderten ist die jüngste Entscheidung von Johannes Rau, dem Minister für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, ganz konsequent: Nach der von links wie rechts mit Unbehagen oder Argwohn bedachten Berufung Karlheinz Stockhausens an die Kölner Musikhochschule machte er nun den 1931 in Argentinien geborenen und seit 1957 in Köln wohnenden Mauricio Kagel zum Professor.

Die neue Schallplatte

Igor Strawinsky: "Feuervogel-Suite"/Béla Bartók: "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta"; BBC-Sinfonie-Orchester, Leitung: Pierre Boulez; CBS 72652, 10,– DM Pierre Boulez’ auf die Form und die Struktur ebenso wie auf die Balance von Tempo und Klang ausgerichtetes Dirigieren hat sich thematisch immer breiter gefächert – dies ist eine preisgünstige Wiederveröffentlichung einer Aufnahme aus seinen ersten Jahren, die, mit aktuellen Einspielungen verglichen, sehr gut deutlich macht, wie puritanisch Boulez 1967 noch musizierte.

Mit Hammer und Flegel

Wer kann denn, fragt Karlheinz Stockhausen, wer kann denn "lauschen in die Tiefe der Erinnerung, in die Höhe der Vorausahnung Wir dürfen sicher und ruhig sein: Er kann.

Man trägt Farbe tragbar

Fortschrittsglaube und Konsumverpflichtung bei der Internationalen Funkausstellung in Berlin

"Ich versuche, ein vollständiger Musiker zu sein": Affekt und Kalkül

Auf den ersten Blick ist es nur eine neue Variante längst hinreichend bekannter Modelle: etwa des "Wandelkonzertes" – statt in chorischer Formation auf dem Podium sitzt das Orchester in solistischen Gruppen, das Publikum schlendert zwischen den Gruppen hindurch, hört mal hier, schaut mal dort zu, wann wer kommt oder geht, ist unwichtig; oder des "Simultankonzertes" – die Gruppen sitzen in verschiedenen Räumen und spielen Verschiedenes, nur eine minimale Kommunikation ist zwischen ihnen möglich, und der unmittelbare Zuhörer kann allenfalls Teile des musikalischen Ganzen, nie seine Totalität vernehmen.

Schallplatte

Immer wieder die gleiche Frage: Kann Musik politisiert werden? Henze versucht es über politische Texte und symbolisierende Instrumentationen.

Superstring mit Bier

Köln, Severinsbrücke; Bundesstraße 55 bis Obersteeg, links abbiegen in Richtung Wipperfürth bis Schloß Georghausen und dann die kleine Straße links hinauf vorbei am Schild "Hundepension".

Träumerei von Stockhausen

Der Orchestermusiker, sagt Karlheinz Stockhausen, sei nicht mehr auf dem laufenden, habe die Mentalität eines Fabrikarbeiters, der nur noch nach der Uhr arbeitet, sei psychisch auf seine Aufgaben nicht mehr vorbereitet und als Künstler frustriert.