: Peter Handke

Peter Handke: Sätze im Schwarzen oder Ausleiern der Tagträume?

Verschiedene Pressereaktionen auf die Verleihung des Petrarca-Preises an Achternbusch veranlassen mich, aus einem Bedürfnis, zu diesem Ereignis sprachlich Tatsachen und einen Hintergrund zu schaffen, den zu dem Anlaß vorbereiteten, aber nicht gesprochenen Text nachträglich zu veröffentlichen.

Alfred Andersch hat einen "Öffentlichen Brief" an den Schriftsteller Konstantin Simonow geschrieben: der Versuch, den deutschen Komplex gegenüber der sowjetischen Literatur zu heilen.: Der fragende Reporter

Die Vielzahl der von Andersch nicht etwa bloß beschriebenen, sondern mit dem Ausdrucksmittel Sprache "angegangenen" Länder, Autoren, zeit- und kunstgeschichtlichen Gegenstände ergibt sich nicht nur aus den Titeln der hier publizierten Aufsätze, einer Rede und einem öffentlichen Brief – in jedem einzelnen Beitrag ergeben sich wieder zahlreiche Hinweise, Rückverweise, Verklammerungen: politische, ästhetische, geschichtliche.

Zeitmosaik

Ich kam an und Peckinpah fragte mich: "Woher kommen Sie?" Und ich sagte "From Germany". Er: "Was wollen Sie?" "Ich will einen Film machen.

Wo Sprache zur Utopie wird: Gegen den tiefen Schlaf

Es ist eine Erzählung fast ohne Übereinkünfte mit dem Lesenden, auch ohne Distanz zu ihm, mit Sätzen, die gleich ganz nahe kommen, als gäbe es in diesem von jeder Botschaft entstörten Universum die gewohnten literarischen Entfernungen nicht mehr.

Wir, die letzten Entdecker

Er begrüße sie im Fegefeuer der Buchmesse, sagte Hans Magnus Enzensberger auf einem Verlagsempfang, dazu bestimmt, lateinamerikanische und deutsche Autoren miteinander ins Gespräch zu bringen – Fegefeuer, weil sie nicht ewig währe und eine Chance der Erlösung lasse.

Bommi Baumanns Bericht wurde trotz Verbots neu herausgegeben: Das Buch des Bombenlegers

Die Liste ist neun Seiten lang und zählt etwa 370 Namen: von linken Verlagen und Buchhandlungen, von Hochschullehrern (Wolfgang Abendroth, Elmar Altvater, Ossip Flechtheim, Helga Gallas, Helmut Gollwitzer), Regisseuren (Reinhard Hauff, Volker Schlöndorff, Jean-Marie Straub), Schriftstellern (Hans Magnus Enzensberger, Erich Fried, Peter Handke, Günter Herburger, Hartmut Lange, Günther Nenning, Luise Rinser, Alice Schwarzer, Peter Weiss, Gerhard Zwerenz).

Petrarca-Preis in Padua: Dichter, Kinder und Zikaden

Sie kommen! Die deutschen Dichter kommen! I poeti tedeschi vèngono!" Die Bauern im Straßen-Cafe auf dem Platz des Dörfchens Arquà, dreißig Kilometer südwestlich von Padua, heben Weinglas oder Espresso-Täßchen zum Salut für die bunte Schar literarischer Pilger aus der Bundesrepublik, der DDR, der Schweiz und Österreich, die in mittäglicher Glut die steile Straße zum Petrarca-Haus hinaufkeuchen.

Starparade

Der schwerstwiegende Einwand gegen dieses Jahrbuch liegt in der Luft, aus der er jederzeit gegriffen werden kann; auch im Impressum steht er: "Wagenbach".

Zehn Jahre nach den "Hornissen" und der "Publikumsbeschimpfung" zieht Peter Handke eine Bilanz seines bisherigen Lebens als Schriftsteller: Ich will über das schreiben, was die Leute verdrängen

Vor zehn Jahren gab es ihn als Schriftsteller noch gar nicht: Peter Handke, 1942 in Griffen bei Graz geboren. Zehn Jahre: mehr als zwanzig Bücher mit Gedichten, Dramen, Romanen, Erzählungen, Hörspielen, Film-Exposes, Essays, Kritiken, Polemiken haben ihn in dieser Zeit zu einem, vielleicht dem Protagonisten der heutigen deutschen Literatur gemacht.

Ohne Titel

Im Nachwort zu einem Gedichtband von Klaus Konjetzky sprach Martin Walser unlängst von den "Modevorstellungen" eines Jahrzehnts, "in dem uns in der Literatur Innenleben wieder als solches vorgeführt wird, in dem es immer brutaler feinsinnig zugeht".

Nabelschau mit viel Musik

Die dicke Doris, aus ihrem Holzverschlag befreit, umkreiste einmal gemächlich die Bühne, trottete dann zum Orchestergraben vor, blickte mit mäßiger Neugier abwärts, dorthin, wo ein lautes Orchester Musik von Mikis Theodorakis spielte.

Rilke aus vielerlei Sicht

Gedanken lassen sich bekanntlich nicht photographieren; künstlerische Verfahrensweisen, Ironie oder Pathos oder Verfremdung, sind auf dem Bildschirm nur behelfsweise wiederzugeben; die artistische Technik, was einer mit welchen Mitteln ins Werk setzt, kann optisch allenfalls andeutungsweise dargestellt werden – eher durch eine neutrale Begleitung (die dann freilich für vieles paßt: mit stillen Seen kann man "Abstraktion" so gut wie "Idylle" bebildern) als durch jene Scheinentsprechungen, die am Ende nichts als Tautologien befördern: Beethoven und Gewitter, Claudius und der norddeutsche Mond, Adalbert Stifter und die Bergeinsamkeit.

Zeitmosaik

Man kann heute nicht mehr machen, was früher für Poesie gehalten wurde. Doch wenn man Augenblicke aus dem Alltagsleben ohne die Absicht, Poesie zu schaffen, so genau wie möglich wiederzugeben versucht, wird das poetisch.

Wie der Kopf Wien auf den Leib Graz kam

Nicht nur, weil ihr Buch mit einer Kaffeehaustirade beginnt und mit einem Kanon der Grazer Kneipen aufhört: man könnte sich die Autoren allesamt – Handke wohl ausgenommen – in einer alpenländischen Sauf- und Freßrunde vorstellen, die Kolleritsch, Widmer, Drews, Laemmle, Eisendle, Roth, Schmidt, Jonke und alle, die in den Umkreis der "Grazer Genie-Ecke" gehören oder zu den Autoren der seit 1960 erscheinenden Zeitschrift "manuskripte".

Frankreich - so nah und so fern

Erstens kann sie nur fördern, was nicht ohnehin auf dem freien Kulturmarkt produziert, importiert und exportiert wird. Sie leistet nur Nachhilfe und ist mit allen Nachteilen des Amtlichen und Behördlichen belastet; sie verteilt Subventionen und gerät in Gefahr, im besseren Fall ein Reisebüro zu werden, das für glatten Transport sorgt, im schlechteren Fall zur Heiratsvermittlung zu entarten, die schwer verkäuflich Mädchen an den Mann bringt.

ZEIT-Kritik

Dank der Reihe neuer Übersetzungen der Philip-Marlow-Romane ist Ruhm und Mythos Raymond Chandlers wieder überprüfbar, der in Peter Handkes, in Gerhard Roths Amerika-Romanen höhere literarische Weihen erhielt.

Theater: Botho Strauß und sein neues Stück „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“: Ich, meiner, mir, mich

Als sich die Schauspieler am Ende des Abends im grellen Licht verbeugten, da sahen sie plötzlich nicht mehr wie Schauspieler aus, sondern wie scheußliche Erfindungen des Lebens selber: Hedda (Kirsten Dene), eine fette, trostlos-lustige Dame mit Speckwülsten um die Taille, einem Riesenbusen, einer Turmfrisur auf dem Kopf; zwei Mädchen namens Doris (Libgart Schwarz, Susanne Barth), Zwillingen gleich, die gleichen dürren Beinchen unter den gleichen hellblauen Tanzkostümen; Günther (Manfred Zapatka), ihr Tanzpartner, strohblond, mit dem leeren Lächeln einer Schaufensterpuppe; Karl (Gerd Kunath), ein einäugiger Zauberkünstler mit verbranntem Gesicht; Dieter (Martin Schwab), ein Mensch aus dem Innenministerium, mit blondem, zurückgekämmtem Haar, eklig langen Koteletten, Sommeranzug, rosa Hemd; dazu Stefan (Wolfgang Höper), ein schwammig gewordenen Hotelier, und Margot (Regine Vergeen), ein blondes, rheinisch sprechendes Dummerchen.

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