: Peter Handke

Naturbelassen

Wien für Fortgeschrittene und unheilbar in die Stadt Verliebte: Didi Petrikat, Graphikerin und Photographie widmet dem von Abbruchfirmen und Kaufhausarchitekten bedrohten Wien ein Buch melancholischer Erinnerung.

Das Ende der Märchen

Handke, bisher mit geschlossenen Augen in sich lauschend, im Genuß der eigenen Innenwelt schwelgend ("der Traum war selber schon die Erfüllung", so beschreibt das Schlußgedicht jene Zeit), nimmt Abschied von den Träumen.

Das Mausoleum der Bücher

Obwohl Georg Gottfried Gervinus bereits 1835 den ersten Band seiner pragmatischen "Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen" vorgelegt hatte, begann sich Literaturgeschichte immer ausschließlich im "Haus der Dichtung" einzurichten, vielleicht, weil – wie Walter Benjamin hundert Jahre später polemisch anmerkt – "aus der Position des ‚Schönen‘ der ‚Erlebniswerte‘ des ,Ideellen‘ und ähnlicher Ochsenaugen in diesem Hause sich in der besten Deckung Feuer geben läßt".

Der Kitsch der frühen Jahre

Wenn wir uns wiedersehn, wir werden lächeln. Ein Abschied. So schön und so lustig und so kläglich wie das, was mit ihm zu Ende geht.

Lob der Unvernunft

Zeit des Abschieds. Buñuels jüngster Film windet einen Trauerkranz schöner Bilder dem "Diskreten Charme der Bourgeoisie"; Jürgen Beckers Gedichtband dieses Frühjahrs verkündet "Das Ende der Landschaftsmalerei"; Peter Handkes neues, sein neuntes Stück klagt schon im Titel: "Die Unvernünftigen sterben aus.

Das Leiden als Geschäfts-Trick

Die Hauptfiguren Ihres neuen Stückes "Die Unvernünftigen sterben aus" sind Unternehmer. Und zwar Unternehmer, die Sie nicht als Ausbeuter und Charaktermasken, sondern als Personen mit Gefühlen und Erinnerungen gezeichnet haben.

Kain und Abel ’74

Als 1970 Gabriele Wohmanns "Ernste Absicht" erschien, äußerten manche Kritiker die Vermutung, derartige Romane würden künftig häufiger auftauchen.

Zeitmosaik

Ein Gespenst geht um in der Bildungspolitik der Bundesrepublik: Resignation ... Der Elan der Reformer scheint weitgehend gebrochen zu sein.

Film: "Gelegenheitsarbeit einer Sklavin": Alexanders Kluges Neubeginn

Die zwei letzten Bücher von Peter Handke, "Klassenliebe" von Karin Struck, "Lenz" von Peter Schneider, der Film "La Maman et la Putain" von Jean Eustache, vieles, was Fassbinder macht, auch das Fernsehen, wo es nicht mit kalter Routine Programm absolviert, Magazine, Features, Spiele wie vom Computer gefertigt, sondern wo es Menschen menschlich zeigt, sie sich selber darstellen und artikulieren läßt – das sind Beispiele nicht für Neoromantik, Eskapismus, politische Resignation, nicht präziöse private Fluchtwelten, sondern es sind, jedes auf seine Art, Absagen an jene seelische Verkrüppelung, die hinter der hohlen, leeren Begrifflichkeit des politischen Modejargons steht, Plädoyers für etwas mehr Menschlichkeit und Natürlichkeit in einer politischen Diskussion, die sich hoffnungslos in einen verbiesterten und verbohrten Dogmatismus verstiegen hat.

Zeitmosaik

Ich habe die Schönheit gesucht, und die Suche danach hat mich dem Sozialismus nähergebracht. Ich bin Christ und Sozialist, weil man in einer kapitalistischen Welt mit dem Evangelium nicht leben kann.

Im Gedankenkreis Faulkners: Karneval und Tod

Der Roman ist tot, mit der bürgerlichen Literatur ist’s aus und vorbei. Und zwar endgültig. Das wußten einige Amerikaner schon in den fünfziger Jahren, wußten ein paar Beatniks bereits zehn Buchmessen vor den deutschen Totengräbern.

Was wird...gespielt?

Von 49 Staats- und Stadttheatern melden, was das Schauspiel angeht, 27 eine Zunahme der prozentualen Platzausnutzung, nur noch bei sechs dieser Theater geht die Zahl zurück – mit diesen und ähnlichen Fakten belegt das Jahressonderheft der Zeitschrift "Theater heute" das "Ende der Theaterkrise": "Die Theaterkrise (dieses Gemenge aus objektiven Fakten, Unsicherheiten, Personenwechsel, gesellschaftlichen und ästhetischen Wandlungen) ist im Auslaufen begriffen.

Zeitmosaik

Was man das "Stuttgarter Ballettwunder" nannte, war ganz und gar von seinen Ideen, von seinem Temperament, von seiner Person bestimmt: John Cranko, der am Dienstag 45jährig gestorben ist, hat seit 1961 in Stuttgart demonstriert, wie an einem Staatstheater Impuls und Disziplin, Ballettomanie und ein eher spontaner Arbeitseifer ein deutsches Durchschnittsballett zu einer international überaus renommierten Truppe machen konnte, die Jahr für Jahr, auch im verwöhnten Amerika, Triumphe feierte.

Am Ende des Zeitalters der Literatur: Über die Grenzen

Nichts ist lebendiger in diesem Augenblick als die Literatur über den Tod der Literatur; selbst in Dublin oder in einem Tiroler Dorfwirtshaus geht’s nicht so hoch und kräftig her nach einer "schönen Leich’".

Von Heliodor bis Handke: Roman, das große Tier

Der Roman sei, so wird immer wieder behauptet, die irregulärste Gattung unter den literarischen Künsten. Seine Geschichte und die seiner Theorie, die sich zwischen Ablehnung und Anerkennung, zwischen Klage und Begeisterung bewegt, scheint dies zu bestätigen.

Zu empfehlen

Was sich so leicht hinschreibt, die Zahl von 150 000 amerikanischen Verwundeten in Vietnam – hier wird sie, oft bis über den Rand des Erträglichen, ins Konkrete übersetzt: verstümmelte Körper, entstellte Gesichter, zerrüttete Nerven, gesehen mit den Augen eines Feldarztes, der von seinen Erfahrungen und denen seiner Patienten ebenso reißerisch wie hinreißend erzählt – für jene, die auch diesen Krieg viel zu rasch vergessen werden.

Zu empfehlen

Ein hintersinniger Beitrag zum Wahlkampf: Wie einer Kanzler werden kann, wenn er nur willens ist, im Kampf um die Macht skrupellos die Schwächen anderer zu nutzen und auch Ränke nicht zu verschmähen, wie einer sich an die Spitze setzt und sich dort hält, obschon oder eben weil er gering von den Menschen denkt und nichts dem glücklichen Zufall oder vertrauensselig anderen überläßt – Konrad Adenauer hat es, in den Jahren zwischen 1945 und 1949, vorexerziert und Maßstäbe taktischer Meisterschaft gesetzt, die noch keiner seiner Nachfolger erreicht hat (und wohl auch nicht erreichen wollte).

Aus dem Tagebuch einer Schnecke: Kriechspur des Günter Grass

Es ist mit den Händen zu greifen, wenn auch gar nicht so leicht zu belegen: Während Günter Grass, zusammen mit Heinrich Böll und vielleicht noch Siegfried Lenz, für das Ausland und für die Mehrzahl derjenigen Deutschen, die überhaupt Lektüreerfahrungen oberhalb der Konfektionsware suchen, unangefochten als der Repräsentant ernst zu nehmender deutscher Gegenwartsliteratur gilt (für jenes zeugen Übersetzungen und ihre Aufnahme, für dieses empirische Umfragen), ist er in dem so intim verfreundeten und verfeindeten Konventikel deutscher Literaten zunehmend in Mißkredit geraten.