Diskutieren Sie mit!: So funktioniert "Deutschland spricht"

Autofreie Innenstädte, #MeToo, Grenzschutz: Darüber debattieren am 23. September Zehntausende Gesprächspaare mit politisch unterschiedlicher Meinung. Machen Sie mit!

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Das Problem ist leider, dass hier ein 'bridging' zulasten Dritter gemacht wird. Wenn sich, was aufgrund der Selbstselektion zu erwarten ist, vornehmlich weiße MittelschichtlerInnen beieinander liegender Alterskohorten mit ähnlichem Habitus aus angrenzenden Milieus treffen, dann werden die beiden sicher manche Gemeinsamkeit entdecken und vielleicht eine gewisse Vertrautheit aufkommen lassen. Nehmen wir ferner an, der/die eine hat gruppenbezogen menschenfeindliche Einstellungen z. B. gegenüber Geflüchteten, Dunkelhäutigen, Muslimen. Das Problem ist nun von den Geflüchteten, Dunkelhäutigen, Muslimen sitzt niemand mit am Tisch, gleichzeitig erscheint dem-/derjenigen ohne gruppenbezogen menschenfeindliche Einstellung das Gegenüber, das solch eine Einstellung hat, plötzlich doch irgendwie ganz nett. Dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass die zuvor genannte Person die letztgenannte in ihre Ingroup aufnimmt. Das kann dann dazu führen, dass es zur Aufweichung eigener ethischer Standards und in der Folge zur Distanzierung gegenüber Geflüchteten, Dunkelhäutigen, Muslimen o. dgl. kommt. Im Ergebnis - und solcherlei 'Ansteckungseffekte' sind ja hinlänglich bekannt - käme es also zu einer Entsolidarisierung mit den fremd gewordenen Anderen (sprich: Geflüchteten, Dunkelhäutigen, Muslimen). Wenn am Ende aber die Empathy for the Racist steht, dann hat sich die Situation verschlimmbessert.

Verkompliziert wird die Situation dann noch dadurch, dass es Faktoren jenseits der Sozialpsychologie gibt, die das Ganze eher in Richtung Toleranz für RechtspopulistInnen kippen lässt. Das hängt einfach damit zusammen, dass Liberale - wie in unzähligen Studien belegt wurde - mehr Flexibilität aufgrund größerer Erfahrungsoffenheit mitbringen, wohingegen sich an der höheren Sensitivität für angebliche Bedrohungen seitens der Rechten nicht viel drehen lässt. Wenn RechtspopulistInnen eher akzeptiert werden, da sie aufgrund der oben beschriebenen Vertrautheit, die sich zwischen den weißen MittelschichtlerInnen einstellt, keinerlei soziale Sanktionierung mehr zu erwarten haben, sehen sie erst recht keinen Anlass/Grund, ihre gruppenbezogen menschenfeindliche Einstellung kritisch zu hinterfragen, geschweige denn zu korrigieren. Kurzum: It's not a level playing field. Und der 'Deal' wird dann u. U. ganz schnell auf Kosten der Nicht-Anwesenden gemacht.
Allports Kontakthypothese weist hingegen in eine ganz andere Richtung. Das 'bridging' ergibt sich hier über den Kontakt zwischen Vorurteilsbelasteten und den Menschen, die durch jene zum Objekt ihres Ressentiments gemacht wurden. Das kann dann unter bestimmten Bedingungen tatsächlich helfen, Vorurteile zu überwinden. Man müsste also die RechtspopulistInnen mit den 'Objekten' ihrer Ablehnung (Geflüchtete) in Kontakt bringen. Das ist freilich in der Konstellation "Deutschland spricht" nicht vorgesehen. Und daran krankt das ganze Konzept.