Alkohol: Experte fordert Abschaffung der Grenzwerte für risikoarmen Konsum

Der Sozialmediziner und Präventionsexperte Ulrich John fordert, Grenzwerte für risikoarmen Alkoholkonsum ganz abzuschaffen. "Ich hüte mich bewusst davor, konkrete Zahlen zu nennen. Das ist genau das, was wir nicht mehr wollen", sagt der Psychologe von der Universität Greifswald der Wochenzeitung DIE ZEIT. Die neueste Forschung habe ergeben, dass Alkohol das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und für Krebserkrankungen an sieben Organen erhöhe. "Und das Risiko steigt schon bei sehr geringen Mengen." John empfiehlt Abstinenz: "Ich fürchte, Menschen können sich Risiken nicht vorstellen. Deshalb brauchen wir eine ganz, ganz einfache Verhaltensregel: am besten gar nichts trinken." 

Dem widerspricht der Risikoforscher David Spiegelhalter von der Universität Cambridge: "Es ist bevormundend, paternalistisch, unverschämt und falsch! Und es funktioniert wahrscheinlich nicht." Zwar habe eine Großstudie ergeben, dass es kein sicheres Level beim Trinken gebe. "Die Frage ist doch: Wie stark steigt das Risiko, wenn ich doch etwas trinke?" Und die Großstudie des Projekts "Global Burden of Disease", veröffentlicht im Fachjournal The Lancet, zeige: Bei moderatem Trinken bleibe das Risiko gering. Das sei "ein Risiko, das auch sehr vernünftige Leute für eingehenswert halten", betont Spiegelhalter. "Es gibt Dinge, die sollte man definitiv nicht tun. Motorrad fahren ohne Helm zum Beispiel oder Alkohol in großen Mengen trinken", schränkt Spiegelhalter ein. "Das ist auf jeden Fall gefährlich." Aber bei geringem Risiko könnten auch persönliche Werte und Überzeugungen bei der Konsumentscheidung eine Rolle spielen. 

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen diskutiert aktuell darüber, die geltenden Richtlinien zum Alkoholkonsum zu ändern. Bis jetzt rät sie Frauen, höchstens zwölf Gramm reinen Alkohol am Tag zu trinken. Männer sollten höchstens das Doppelte konsumieren. Zwölf Gramm Reinalkohol entsprechen etwa einem Achtelliter Wein oder 0,3 Litern Bier.