Das verschwundene Königreich: Der Landesarchäologe Sachsen-Anhalts über die Schöpfer der Himmelsscheibe von Nebra

Der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, schildert am Beispiel der bronzezeitlichen Hochkultur Aunjetitz, wie die deutsche Teilung bis heute unser Bild von der Vor- und Frühgeschichte prägt. "Es handelt sich um eine Kultur, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, in Tschechien und Polen verbreitet war", sagt Meller im Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Archäologen war Aunjetitz sehr wohl bekannt. Wäre die Kultur im Pariser Becken entstanden oder um Hamburg rum, wäre sie heute berühmter."

Das berühmteste Zeugnis dieser Hochkultur ist die 3800 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra, an deren Rettung Meller im Jahr 2002 beteiligt war. Im Gespräch mit der ZEIT schildert der Archäologe, unter welchen Bedingungen dieses astronomische Meisterwerk entstanden sein muss: "Es herrschte reger Rohstoffhandel und großer Wissenstransfer." Meller ist der Co-Autor eines neuen Buchs über die Aunjetitz-Kultur, "Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas". Darin legt er seine Interpretation des Fundstücks dar. "An der Spitze des Staates stand ein König, und die Könige sicherten ihre Macht mit Armeen. Das war die Voraussetzung dafür, dass ein so hochkomplexes und wertvolles Gebilde wie die Himmelsscheibe von Nebra überhaupt entstehen konnte – in so früher Zeit."

Das Problem der unterschiedlich ausgeprägten Wahrnehmung des kulturellen Erbes sieht Meller auch bei jüngeren Kulturgütern: "Wer im Westen wohnte, schaute nicht nach Osten. Er besuchte Notre-Dame in Paris – nicht aber zum Beispiel den Magdeburger Dom. Vieles im Osten hat bis heute im kulturellen Gedächtnis nicht die Bedeutung, die es verdient."