Steil ragen die grauen Felsen aus dem klaren Wasser – es sieht aus, als hätte eine Sintflut die Alpen erreicht. Die Berge sind Teile der nordnorwegischen Inselgruppe Lofoten, nördlich des Polarkreises. Ihre einmalige Natur lockt jährlich über zweihunderttausend Touristen auf die Inseln. In dem klaren Wasser leben riesige Fischschwärme.

Fisch und Tourismus sind die Haupteinnahmequelle der rund zwanzigtausend Bewohner der Lofoten. Doch vor der Küste liegt Öl im Meeresgrund. Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Förderung des schwarzen Goldes ein großes Geschäft werden könnte. "Das ist eine vielversprechende Gegend mit Aussichten auf bedeutende Funde", sagt Per Terje Vold, Chef von OLF, der Interessenorganisation der Ölindustrie, die den Rohstoff vor den Inseln fördern möchte. Ob sie darf, entscheidet sich am Montag. Dann wählen die Norweger ein neues Parlament.

Noch ist die Ölförderung in dieser Gegend nicht erlaubt: Um die wirtschaftliche Grundlage von Fischerei und Tourismus nicht zu gefährden und die einmalige Natur nicht zu zerstören, gibt es ein Moratorium, das besagt, dass vor den Lofoten und den benachbarten Vesterålen nicht nach Öl gebohrt werden darf. Im kommenden Jahr läuft das Moratorium aber aus. Dann muss das Parlament darüber abstimmen, ob die Inselgruppe weiterhin ein Schutzgebiet bleibt oder geöffnet wird. Der Druck, die Förderung zu genehmigen, ist groß.

Schon heute ist Norwegen fünftgrößter Ölexporteur, doch die Ressourcen in den bereits erschlossenen Feldern gehen langsam zur Neige. Um "das reichste Land der Welt" zu bleiben, wie der Ökonom Jon Arne Isachsen Norwegen einmal genannt hat, müssen also neue Felder geöffnet werden. Die Gegend vor den Lofoten wäre relativ leicht zugänglich, da küstennah, und noch nicht in arktischen Gewässern.

Ob hier bald nach Öl gebohrt wird, hängt vom Ausgang der Parlamentswahlen am 14. September ab. Derzeit wird das Land von einer rot-grünen Koalition aus sozialdemokratischer Arbeiterpartei (Ap), Sozialistischer Linkspartei (SV) und dem Zentrum (SP) regiert. Sollte diese Konstellation gewinnen, ist eine Verlängerung des Bohrstopps wahrscheinlich: Er ist eine Herzensangelegenheit für die kleineren Koalitionspartner SP und SV.

Die Arbeiterpartei möchte sich dennoch noch nicht festlegen – wohl, um für andere Regierungsalternativen offen zu bleiben. Denn angesichts der Umfrageergebnisse, die zwar allesamt die Arbeiterpartei als stärkste Kraft sehen, aber sonst so unterschiedlich sind, das fast alle Optionen offen sind, ist völlig unklar, wer die Regierung bilden wird. Lediglich die konservative Høyre (H) und die rechtsliberale bis rechtspopulistische Fortschrittspartei (FrP) haben angekündigt, die Lofoten für die Ölsuche zu öffnen. Dass die beiden alleine an die Macht kommen, ist jedoch unwahrscheinlich. Die klassischen Koalitionspartner der Høyre – Christliche Volkspartei (KrF) und liberale Venstre (V) – sind ebenfalls gegen die Ölbohrungen vor den Lofoten. Aber alles steht zur Verhandlung. Es wird also vermutlich von den Koalitionsverhandlungen abhängen, ob gebohrt wird oder nicht.

Genaue Angaben darüber, wie viel vom kostbaren Rohstoff sich vor den Lofoten und Vesterålen befinden könnte, gibt es nicht. Es braucht noch detailliertere Untersuchungen, um das zu erfahren. Fest steht: Die Chancen auf große Funde sind gut, dem widerspricht auch außerhalb der Ölindustrie kaum jemand. Dass die Erschließung für eine dünnbesiedelte Region zumindest kurzfristig enorme Vorteile bringen kann, ist das Hauptargument, um die Lokalbevölkerung zu überzeugen. Als Beispiel wird gerne das Gasfeld Snøhvit herangezogen, das der Gegend um Hammerfest einen Aufschwung gebracht hat.