Die Preise für Strom, Gas und Benzin sind auf den Großmärkten mit Beginn der Weltwirtschaftskrise sehr stark gefallen. Das liegt an der sinkenden Nachfrage der Industrie. Nimmt diese ab, das Energieangebot aber nicht, fallen die Preise zwangsläufig. Die Endkunden spüren davon jedoch kaum etwas, so scheint es. Verbraucherschützer und Kartellbehörden werfen den Energiekonzernen daher regelmäßig vor, dass sie auf Kosten ihrer Kunden Kasse machen. Das Prinzip: Die Versorger kaufen an den Märkten billig Strom- oder Gasmengen ein, geben diesen Preisvorteil aber nicht voll an ihre Kunden weiter. Eine am Dienstag vorgelegte Studie bestätigt diesen Eindruck, zeichnet aber ein differenzierteres Bild. Demnach zahlen Privatkunden für Strom heute durchschnittlich sogar knapp sechs Prozent mehr als vor einem Jahr. Firmenkunden können sich dagegen kaum beklagen. Ihre Stromrechnungen fallen heute um 8,5 Prozent niedriger aus.

Wie kommt das Ergebnis zustande?

Das Verbraucherportal Verivox vergleicht regelmäßig die Entwicklung auf den Energiemärkten. Verivox’ aktuelle Rechnung war denkbar simpel. Die Experten des Vergleichsportals schauten sich den Großhandelspreis an der wichtigen Leipziger Strombörse European Energy Exchange (EEX) an, bei der die Stromversorger sich zu minütlich wechselnden Preisen mit Stromkontingenten eindecken. Dabei kam heraus: Heute ist Strom im Großhandel nur etwa halb so billig wie im Oktober 2008. Auch nach allen Steuern und Abgaben lagen die Erzeugerpreise (im August) immerhin neun Prozent unter dem Vorjahresniveau, sagt das Statistische Bundesamt. Trotzdem müsse ein Privathaushalt im Oktober aber 5,8 Prozent mehr zahlen, was umgerechnet auf das volle Jahr 51 Euro Mehrkosten entspricht, wie Verivox jetzt anhand seiner aktuellen Tarifdatenbank ermittelte.

Die Preise für Großkunden sinken also, die für kleine Haushalte steigen. Da liegt der Verdacht nahe, dass die Stromversorger die Unbedarftheit ihrer kleinen Haushaltskunden ausnutzen. Welcher Privatmann hat schon die Zeit, die Großhandelspreise an der Strombörse zu verfolgen und sich immer wieder einen neuen Stromtarif auszusuchen? Große Unternehmen schauen ihren Versorgern schon genauer auf die Finger.

Wie rechtfertigen sich die Versorger?

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), der 1800 deutsche Unternehmen der Branche vertritt, nennt eine andere Begründung für die Preisdiskrepanz. Man wolle die Privatkunden vor großen Preisschwankungen bewahren, lautet das Argument der Stromhändler.

"Die meisten Unternehmen haben den Großteil des Stroms, den sie heute an ihre Haushaltskunden liefern, in verschiedenen Tranchen innerhalb der vergangenen zwei Jahre, in vielen Fällen sogar innerhalb der vergangenen drei Jahre beschafft", schreibt der BDEW als Reaktion auf die Verivox-Studie in einer Mitteilung. Mit diesem langfristigen Kauf der Stromkontingente würde man die Risiken bei der Strombeschaffung auf dem Großhandelsmarkt, der Börse, minimieren, "denn lange Einkaufszeiträume bedeuten einen geringeren Einfluss von Preisspitzen", behauptet der BDEW.