Wer Angela Merkel einmal in einer Klimadebatte erlebt hat, der bekommt ein Gefühl dafür, wie das Wort Herzensangelegenheit politisch übersetzt werden kann. Die Kanzlerin vergisst dann für einen Moment diplomatische Etikette und spricht – auch Dank ihres naturwissenschaftlichen Hintergrunds – klar aus, wie die Welt noch zu retten ist. Dann fallen Sätze, die von der Halbierung der CO2-Emissionen bis 2050 und der Einhaltung des Zwei-Grad-Zieles künden. Dann ist Angela Merkel die Klimakanzlerin.

Auch am Donnerstag Abend hielt die Kanzlerin ein flammendes Plädoyer. Die EU-Regierungschefs versammelten sich in Brüssel, um über die Finanzierung des Klimaschutzes zu debattieren – und Merkel soll mit deutlichen Worten für ein Abkommen Mitte Dezember in Kopenhagen geworben haben.

Am Freitag, nur eine Nacht später, sah es schon ganz anders aus. Die Regierungschefs feilschten um ein Finanzierungspaket für Entwicklungsländer. Es sollte den Klimakollaps verhindern, zugleich auch Geld für Staudämme und Brunnen bereitstellen. Die sind schon jetzt erforderlich, denn der Klimawandel trifft längst die Ärmsten. Europas Beitrag, so eine Schätzung der EU-Kommission, läge schon 2020 bei bis zu 15 Milliarden Euro. Insgesamt wären gar 100 Milliarden Euro im Jahr fällig, vor allem um die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer in eine kohlenstoffarme Zukunft zu führen.

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Doch konkrete, bedingungslose Hilfszusagen für die Entwicklungsländer gab es in Brüssel nicht. Auch die Bundesregierung hat sie blockiert. Nicht, weil Merkel grundsätzlich dagegen wäre, sondern weil sie die USA und China zunächst in der Pflicht sieht. Die EU werde "Vorreiter sein, allerdings die Zusagen auch daran binden, dass andere Länder ähnliche Verpflichtungen finanzieller Art übernehmen", sagte sie.

Die Kanzlerin macht sich damit eine Sichtweise zu eigen, die in Brüssel zuletzt sehr in Mode kam: Wer zu früh die Karten auf den Tisch legt, hat kein As mehr im Ärmel. Würde die EU vorschnell Milliarden Euro zugestehen, dann werden die Partner nur mit weiteren Geschenken zum Mitmachen bewegt. Weil Merkel diese Sichtweise teilt, wird sie von der Klima- zur Zauderkanzlerin.

Das mag – auch wegen historisch hoher Schulden in der EU – opportun sein. Doch es ist ein Verrat am Klimaschutz. Denn der nimmt auf Finanz- und Wirtschaftskrisen keine Rücksicht. Tatenlosigkeit kostet langfristig ein Vielfaches der heutigen Anstrengungen. Die Politiker wissen das. Deshalb hieß es bereits Anfang des Jahres, im Sommer würde über Zahlen gesprochen. Mitte des Jahres wurde der Herbst genannt. Dann wurde die EU-Kommission vorgeschickt. Und nun ist in Brüssel zu hören, wir (Europäer) sollten auf ein US-Angebot warten. Dabei kann das derzeit gar nicht kommen.

US-Diplomaten rechnen nicht damit, dass Senat und Kongress noch vor dem Kopenhagener Klimagipfel im Dezember ein Gesetzespaket schnüren, das Amerikas Beiträge deutlich benennt. Deshalb entwerfen die Verhandlungsführer vor allem die Architektur künftiger Übereinkommen, während in Europa und China längst über Geld gesprochen wird. Dieses Verhalten können Politiker ablehnen, aber sie können es nicht ignorieren. Besser wäre, Europas Regierungschefs setzten die Vereinigten Staaten unter Druck, indem sie sich selbst treu bleiben und klare Zusagen machen.

Kommenden Dienstag wird Merkel vor dem US-Kongress sprechen und wieder die Klimakanzlerin geben. Sie hätte die Chance gehabt, mit einer Milliardenzusage der EU zugleich ihr anderes Image abzulegen und der US-Politik die Alternativen zur Tatenlosigkeit aufzeigen. Doch es scheint als würde am Ende die Zauderkanzlerin gewinnen – und das Klima verlieren.