ZEIT ONLINE: Herr Spahn, ihre Partei ist einst in der Großen Koalition angetreten, den Haushalt zu sanieren und für mehr Generationengerechtigkeit zu sorgen. Nun will die Union gemeinsam mit der FDP trotz einer desolaten Haushaltslage die Steuern senken – und damit die Neuverschuldung weiter in die Höhe treiben. Können Sie das als junger Abgeordneter noch vertreten?

Spahn: Ich bin da hin- und hergerissen. Einerseits haben wir im Moment die letzte Chance, die Leistungsträger im Land bei den Steuern zu entlasten. Durch die Schuldenbremse im Grundgesetz wird das in den nächsten zehn Jahren nicht mehr möglich sein. Andererseits stehen wir vor der größten Neuverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik. Angesichts dessen beinhaltet der jetzige Kurs durchaus Risiken.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Spahn: Uns muss klar sein, dass unser Wohl und Wehe vom künftigen Wachstum abhängt. Nur wenn die Wirtschaft wieder anspringt, generieren wir mehr Steuereinnahmen und haben eine Chance, die Defizite in den öffentlichen Haushalten zu verringern. Allein mit der Kürzung der Ausgaben werden wir das selbst mittelfristig nicht schaffen.

ZEIT ONLINE: Eine vage Hoffnung also.

Spahn: Die Jahre 2005 und 2006 haben gezeigt, dass die Hoffnung durchaus berechtigt sein kann. Außerdem steckt Deutschland weiter mitten in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Es wäre daher falsch, jetzt voll auf die Sparbremse zu treten. Der Koalitionsvertrag ist so gesehen ein Kompromiss, mit dem ich leben kann.

ZEIT ONLINE: FDP-Chef Guido Westerwelle verbucht diesen Kompromiss als seinen Erfolg. 35 Milliarden Entlastung hatten die Liberalen gefordert – und immerhin 24 Milliarden bekommen. Hätte ihre Partei die Steuerpläne der FDP in den Verhandlungen nicht entschiedener abblocken müssen?

Spahn: Im Grundsatz waren unsere Positionen ja gar nicht so verschieden. Es hat allerdings Probleme bereitet, dass die FDP im Wahlkampf mit ihrer Steuerforderung so monothematisch durch die Welt gelaufen ist. Nun muss sie die Versprechen auch erfüllen. Mich hat schon erstaunt, dass die gleichen Leute, die immerzu Haushaltskonsolidierung anmahnen, plötzlich massiv auf schuldenfinanzierte Steuersenkungen dringen. Viele in der FDP mussten schmerzhaft realisieren, dass Regieren etwas anderes ist als Opposition. Überschriften alleine reichen nun nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Teilen Sie die Ansicht des niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff, der die FDP-Pläne "unseriös" genannt hat?

Spahn: Ich bin wie Christian Wulff der Meinung, dass die Maximalforderung der FDP ein finanzpolitischer Blindflug gewesen wäre.