Japan steckt nach Auffassung der Regierung erstmals seit dreieinhalb Jahren wieder in einer Phase dauerhaft fallender Preise. Er sei zu der Erkenntnis gekommen, dass sich das Land in einer Deflation befinde, sagte der stellvertretende Regierungschef Naoto Kan am Freitag nach einer Kabinettssitzung. Die japanische Zentralbank beließ ihren Leitzins bei 0,1 Prozent. Zugleich hob die Bank of Japan ihre Einschätzung der wirtschaftlichen Lage im dritten Monat in Folge an. Japans Wirtschaft lege allerdings vor allem dank fiskalpolitischer Maßnahmen der Regierungen im In- und Ausland zu.

Die moderate wirtschaftliche Erholung verdankt Japan weiterhin seinem Export. Von einer vom heimischen Privatkonsum getragenen Erholung kann dagegen noch keine Rede sein. Japans Wirtschaft befinde sich noch immer in einer schwierigen Lage, heißt es auch in dem am Freitag veröffentlichten Monatsbericht der Regierung. So sei die Situation am Arbeitsmarkt nach wie vor ernst, auch wenn die Arbeitslosenquote im September unerwartet von 5,5 Prozent auf 5,3 Prozent und damit im zweiten Monat gesunken war.

Hintergrund ist die steigende Produktion angesichts zunehmender Exporte. Während die zuvor in der Krise gedrosselten Investitionen der Unternehmen nicht mehr weiter zurückgingen, legten die Ex- wie auch die Importe angesichts der verbesserten Lage auf den Weltmärkten und hier insbesondere in aufstrebenden Ländern zu, so die Zentralbank. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im dritten Quartal mit einer Jahresrate von 4,8 Prozent überraschend deutlich an.

Zugleich ist Japan jedoch einem Deflationsdruck ausgesetzt. Er sei über die fallenden Preise sehr besorgt, sagte Finanzminister Hirohisa Fujii am Freitag. "Wir sind uns der ernsten Risiken bewusst." In einer Deflation ist das Angebot an Waren und Dienstleistungen größer als die Nachfrage. Dieses Überangebot drückt die Preise. Das kann zu einer Abwärtsspirale aus weiter fallenden Preisen und einer schrumpfenden Produktion führen. Für eine Volkswirtschaft kann eine Deflation nach Einschätzung von Ökonomen wegen dieser Eigendynamik verheerendere Auswirkungen haben als eine Inflation, die durch steigende Preise gekennzeichnet ist.

Zuletzt hatte sich Japan zwischen März 2001 und Juni 2006 in einer Deflation befunden. Mit fiskalpolitischen Maßnahmen wie höheren öffentlichen Ausgaben allein sei der Trend fallender Preise nicht umzukehren, sagte Fuji. In dieser Situation falle der Geldpolitik eine "große" Rolle zu, sagte Vize-Premier Kan.

Japan wird nach Einschätzung der Zentralbank mindestens drei Jahre lang eine Phase fallender Preise bei zugleich moderatem Wirtschaftswachstum durchlaufen. Das BIP dürfte im Fiskaljahr 2010/2011 (vom 1. April an) um 1,2 Prozent zulegen, wie die Bank of Japan Ende Oktober in ihrem halbjährlichen Ausblick zur Wirtschafts- und Preisentwicklung mitteilte. In diesem Jahr werde ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um 3,2 Prozent erwartet, hieß es.

Im folgenden Jahr dürfte sich das Wirtschaftswachstum angesichts einer moderaten Erholung der Weltwirtschaft um 2,1 Prozent beschleunigen. Eine dauerhafte Erholung des Privatkonsums sei jedoch bis zum Fiskaljahr 2011/2012 nicht zu erwarten, so die Bank of Japan.