Ausgetrocknete Seen, verheerende Stürme und todbringende Überflutungen: Lateinamerika bekommt die Auswirkungen des globalen Klimawandels mit aller Härte zu spüren. In Bolivien hat sich die Wassermenge des Titicaca-Sees, des größten kontinentalen Binnengewässers, in den vergangenen Jahren dramatisch verringert. Argentinien leidet unter einer extremen Dürre, und in der Karibik hinterlassen intensive Wirbelstürme eine todbringende Spur der Verwüstung. Die Liste der Umweltschäden werde von Woche zu Woche länger, beklagen die Umweltminister der Region.

Gemeinsam mit seinen Amtskollegen will Guatemalas Umweltminister Luis Ferrate in Kopenhagen von den Industrieländern für die Zerstörungen, die durch die globale Erwärmung verursacht wurden, eine Entschädigung verlangen: "Unsere Länder sind noch nie in einem solchen Ausmaße mit so viel Dürre, Trockenheit, Überschwemmungen und einer solch prekären Ernährungsunsicherheit konfrontiert worden. Die Industrienationen haben die Lunge der Welt vergiftet." Auf rund 105 Milliarden US-Dollar beliefen sich allein in der Karibik und Zentralamerika die Kosten des Klimawandels, begründete Ferrate die lateinamerikanische Forderung.

In Kopenhagen wollen die mittelamerikanischen und karibischen Staaten Belize, Costa Rica, die Dominikanische Republik, El Salvador, Guatemala, Honduras und Panama einen formellen Vorschlag vorlegen und von den Industrieländern konkrete Entscheidungen und finanzielle Zusagen einfordern. "Wir werden auch an die ethische und die moralische Verantwortung der Industrienationen appellieren", kündigte Luis Ferrate an. Nicaraguas Umweltministerin Juana Arguenal erklärte, die reichen Länder treffe eine "ökologische Schuld" an den Naturkatastrophen in der Region, die vor allem die Ärmsten der Armen in ihrer Existenz bedrohen.

Hunger in Guatemala. Klicken Sie auf das Bild, um mehr zu erfahren! © Orlando Sierra/AFP/Getty Images

Unterstützung erhalten die Politiker dabei von der katholischen Kirche. "Der Klimawandel ist kein Spiel mehr, denn die globale Erwärmung ist längst Realität. Wir leiden nun unter den Konsequenzen", schrieben die Bischöfe der Dominikanischen Republik in einem offenen Brief, nachdem Hurrikan "Ida" Anfang November für Hunderte Tote in der Region gesorgt hatte. Die Hungersnot in Guatemala, die Überschwemmungen in El Salvador und die verheerenden Stürme in der Dominikanischen Republik seien aggressive ökologische Vorboten des Klimawandels, schrieben die Kirchenführer.

Allein Guatemala müsste für die Linderung der durch den Klimawandel zu erwartenden Umweltschäden zwischen 2010 und 2014 rund 3,5 Milliarden Dollar aufbringen, gibt das Umweltministerium des Landes an. Es beruft sich auf eine Studie, die von der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal) in Auftrag gegeben wurde.

Brasiliens Präsident über die Rolle, die sein Land im Klimaschutz spielen kann. Klicken Sie auf das Bild, um zum Interview zu gelangen! © Olivier Morin/AFP/Getty Images

Auch der Rest des Kontinents steht vor finanziellen Kraftakten: In Brasilien soll der Klimawandel in den nächsten Jahren Schäden in Höhe von zwei Milliarden Dollar anrichten, heißt es in einer von einer brasilianischen Nachrichtenagentur verbreiteten Untersuchung. Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva kündigte auf einem Treffen der Anrainer-Staaten des Amazonas an, die Regierungen der Region werden auf dem Weltklimagipfel kein Ergebnis akzeptieren, das nicht eine spürbare Verbesserung der Situation mit sich bringe. Lula hatte die Amazonasstaaten Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Guyana, Peru, Suriname und Venezuela zu einer Sondersitzung nach Manaus eingeladen, um sich auf eine gemeinsame Linie zu verständigen.

Auch auf mögliche Kritik an den Abholzungen im eigenen Regenwald hat sich Brasilien gut vorbereitet. Das fünftgrößte Land der Erde will mit gutem Beispiel vorangehen und kündigte an, den Ausstoß der schädlichen Treibhausgase bis 2020 um fast 40 Prozent zu senken und dadurch etwa eine Milliarde Tonnen des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) einzusparen. Dies solle vor allem durch den Schutz des Regenwaldes erreicht werden. Die umstrittenen Regenwaldabholzungen im Amazonas seien bereits auf einem historischen Tiefstand gesunken. Innerhalb des vergangenen Jahres sei die Rodung um fast 50 Prozent zurückgegangen, teilte das Nationale Institut für Weltraumforschung (INPE) vor wenigen Tagen in Brasilia mit. Dies sei der niedrigsten Stand seit Beginn der Messungen vor 21 Jahren.