Im Streit um millionenschwere Schadenersatzforderungen stehen Siemens und der ehemalige Konzernchef Heinrich von Pierer überraschend vor einer Einigung. In Branchenkreisen wurde am Dienstag ein entsprechender Bericht der Tageszeitung Die Welt bestätigt. Auch andere Medien berichten von einer Einigung. Beide Seiten hätten sich demnach prinzipiell auf einen Vergleich verständigt. 

Pierer muss nun offenbar nicht die ursprünglich von Siemens geforderten sechs Millionen Euro überweisen. Allerdings soll er laut Zeitung mehr als alle anderen Ex-Vorstände bezahlen. In Verhandlungskreisen hieß es, Pierer sei bereit, mehr als vier Millionen Euro zu zahlen.

Pierers Anwalt wollte sich zu den Angaben zunächst nicht äußern, "solange das Ding nicht vom Eis ist", und verwies auf die Aufsichtsratssitzung am Mittwoch. Auch Siemens lehnte eine Stellungnahme ab.

Im September hatte Siemens früheren Vorständen um Ex-Konzernchef Pierer ein Ultimatum gestellt. Bis Mitte November sollten sich sieben ehemalige Vorstandsmitglieder zu einem Vergleich bereit erklären. Andernfalls drohte das Unternehmen mit Klagen. Dem ehemaligen Vorstandschef hatte das Unternehmen sogar eine Schadenersatzklage in Milliardenhöhe angedroht – falls dieser die bis dato von ihm geforderten sechs Millionen Euro nicht freiwillig in den kommenden Wochen zahlen würde.

Siemens wirft dem langjährigen Vorstands- und späteren Aufsichtsratschef Pierer und seinen Vorstandskollegen vor, während ihrer Amtszeit die Geschäfte des Unternehmens nicht genau genug kontrolliert zu haben. Dadurch seien die weltweiten Schmiergeldzahlungen zahlreicher Konzernsparten für lukrative Aufträge möglich geworden.

Pierer selbst hatte alle Vorwürfe stets zurückgewiesen. Er sei für die üblen Machenschaften in dem Konzern, den er rund 30 Jahre erst als Vorstands-, später als Aufsichtsratsvorsitzender geführt hatte, keineswegs mitverantwortlich. Er habe stattdessen von all dem nichts mitbekommen und habe sogar alles getan, um gegen die Machenschaften vorzugehen.
 

Der größte Korruptionsskandal der deutschen Wirtschaftsgeschichte war mit einer Großrazzia im November 2006 ins Rollen gekommen. Seine Aufarbeitung hat den Konzern bereits Milliarden gekostet. So musste Siemens alleine nach Einigung mit der US-Börsenaufsicht SEC und der Staatsanwaltschaft München Ende vergangenen Jahres rund eine Milliarde Euro an Geldbuße zahlen. Hinzu kamen weitere Strafen, Beraterkosten und Gewinnabschöpfung sowie Steuernachzahlungen.