Seit Jahren lebt Gaby Bischop aus Raesfeld bei Borken neben einer Stromtrasse. Diese will der Stromkonzern RWE jetzt aufrüsten, statt 220 kV soll die Freilandleitung zwischen Wesel am Niederrhein und Diele bei Papenburg künftig 380 kV transportieren können. Für Bischop ist das ein Unding. Sie fürchtet sich vor Elektrosmog. Am liebsten würde sie die Strommasten unter der Erde verschwinden sehen. "Die Belastungen von Mensch und Umwelt müssen so gering gehalten werden wie möglich", sagt die Vertreterin der Bürgerinitiativen Pro Erdkabel NRW. "Das geht am besten mit Erdkabeln statt mit immer neuen Überlandleitungen." Doch dagegen wehrt sich der Netzbetreiber, eine Tochter des RWE-Energiekonzerns. Ein Kilometer Erdkabel ist bis zu sieben Mal so teuer wie ein Kilometer Freilandleitung.

Energieexperten sind sich einig, dass am Netzausbau kein Vorbeikommen ist. Schließlich hat die Bundesregierung angesichts des Klimawandels ambitionierte Ziele: Bis 2020 soll sich der Anteil von Ökostrom mindestens auf 30 Prozent verdoppelt haben. Einen so hohen Anteil schwankender Stromeinspeisungen macht das derzeitige Stromnetz nicht mit. Von der Küste wird zukünftig Offshore-Strom in riesigen Mengen eingespeist werden, er muss zu den Industrieregionen im Ruhrgebiet und ins Rhein-Main-Gebiet.

Dazu kommen quer über Deutschland verstreut Biogas- und Solaranlagen. Allein durch den Ausbau der Windenergie benötigt Deutschland rund 800 Kilometer neue Stromleitungen bis zum Jahr 2015, ergab eine dena-Netzstudie. Sie stammte noch aus dem Jahr 2005, inzwischen könnten einige Kilometer dazugekommen sein. 

Es gibt viele Fragen zu klären: Wo werden die neuen Leitungen gebaut? Sollen lieber Erdkabel oder Freiland-Leitungen verlegt werden? Sind Stromautobahnen nach Skandinavien sinnvoll, um dort überschüssigen Windstrom speichern zu lassen? Und wer trägt die Zusatzkosten? Die Antworten will das Forum Netzintegration, das sich am Dienstag in Berlin erstmals der Öffentlichkeit präsentierte, in seinem Plan N finden, den es im kommenden Jahr erstellen will. Es wird dabei vom Bundesumweltministerium gefördert und von der Deutschen Umwelthilfe organisiert. Zu der Initiative gehören, und das ist ungewöhnlich, nicht nur Netzbetreiber, die den Ausbau realisieren müssen, sondern auch Industrieverbände, Vertreter der erneuerbaren Energien-Branche sowie Bürgerinitiativen. Die Mischung birgt Konfliktpotenzial.

Beispiel Erdkabel: Während Bischop für innovative Technologien wie Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) plädiert (die sogenannten Stromautobahnen), sind Erdkabel für Olivier Feix von der Vattenfall Transmission GmbH keine Lösung. Denn gibt es im Erdreich Probleme, werde es kompliziert: Unter Tage eine Schadstelle zu finden, sei schwer. Und dann müsse das Unternehmen auch noch mit den unterschiedlichen Grundstückseigentümer aufwändig verhandeln, um Reparaturen durchführen zu dürfen. Erdkabel seien eine teures Vergnügen, ist Feix Bilanz.