Lateinamerikas Ökonomen von Mexiko bis Feuerland sind sich einig: Diesmal ist der Kontinent mit einem blauen Auge davongekommen. Waren früher Länder wie Argentinien oder Mexiko schon einmal Auslöser weltweiter Finanz- und Schuldenkrisen, so traf die Wirtschaftskrise den Subkontinent diesmal unverschuldet – und deutlich besser vorbereitet. Länder wie Chile, Mexiko oder Brasilien nutzten den Rohstoffboom Ende der neunziger Jahre, um ihre Schuldenberge abzubauen oder Rücklagen für Krisenzeiten anzulegen, die dann in den vergangenen zwei Jahren eingesetzt wurden, um die Rezession abzufedern. "Chile hat dank einer vorbildlichen antizyklischen Wirtschaftspolitik die Krise ganz gut gemeistert", sagt Cornelia Sonnenberg, Geschäftsführerin der deutsch-chilenischen Handelskammer in Santiago.

Nachdem die lateinamerikanische Wirtschaft im vergangenen Jahr um 1,8 Prozent schrumpfte, dürfte sie im laufenden Jahr um 4,1 Prozent wachsen, prognostiziert die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal). Führend ist Brasilien, dem 5,5 Prozent Zuwachs vorhergesagt werden. Der südamerikanische Gigant hat sich als deutlich krisenresistenter erwiesen als der regionale Gegenspieler Mexiko mit seiner exzessiv an die US-Konjunktur gekoppelten Wirtschaft.

Während Mexiko seine Wirtschaft übereilt liberalisierte, Dutzende Freihandelsverträge abschloss und im vergangenen Jahr eine schwere Rezession erlitt – die Wirtschaftsleistung ging um sieben Prozent zurück –, konzentrierte sich Brasilien zunächst auf seinen immensen Binnenmarkt und machte die heimische Industrie durch Investitionen in strategischen Sektoren wie Luftfahrt, Stahl, Automobil und Biotreibstoffen wettbewerbsfähig.

Dann baute es seine internationalen Wirtschaftsbeziehungen aus und handelt heute zu etwa gleichen Teilen mit Asien, Europa, den USA und dem Rest des Subkontinents. Besonders der Handel mit China trug dazu bei, die Wirtschaft im Vorjahr wieder zu dynamisieren. Hinzu kommt auch ein bisschen Glück: Während Brasilien vor seiner Küste neue Erdölfelder entdeckte, gehen die Vorkommen Mexikos langsam zu Neige – und in die Erschließung neuer Felder wurde nicht investiert. Grund waren restriktive Gesetze, die lange ausländische Joint Ventures im Erdölsektor verboten.

Doch nicht überall sieht es rosig aus. So hat die Krise allenthalben zu höherer Arbeitslosigkeit geführt, was sich auch durch das leichte Anziehen der Konjunktur in den vergangenen Monaten kaum verbesserte. Kritisch ist die Lage auch in Venezuela: Zwar überstand das Land dank seines Erdölreichtums die Krise zwar ohne Einbruch, doch Präsident Hugo Chávez verschleuderte Millionen für Prestigeprojekte und politische Propaganda im In- und Ausland. Nötige Modernisierungen der heimischen Infrastruktur, insbesondere im Energiebereich, blieben jedoch aus. Stromausfälle und Güterknappheit charakterisieren Venezuela, das 2010 zusammen mit dem durch das Erdbeben zerstörten Haiti das regionale Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum bilden dürfte.

Auch die Musterschüler dürften sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, warnt Andrés Oppenheimer, Kommentator des Miami Herald. Er dämpft Ambitionen wie die von Brasiliens Präsident Luiz Inacio "Lula" da Silva, der sein Land schon in den Kreis der fünf größten Wirtschaftsmächte der Erde vorstoßen sieht. "Der Kuchen ist kleiner geworden, und Lateinamerika muss wettbewerbsfähiger werden, wenn es gegen die asiatische Konkurrenz auf Dauer bestehen will", schreibt Oppenheimer. "Sonst versinkt der Kontinent in Mittelmäßigkeit."

Lateinamerika habe es in 30 Jahren nicht geschafft, seinen Anteil am Welthandel auszubauen, der im Moment bei mageren sechs Prozent liegt. Ein strukturelles Problem ist die weiterhin hohe Abhängigkeit der Region von ihren Rohstoffexporten. "Fallen die Preise dafür, stürzt Lateinamerika ab", sagt Nicolas Eyzaguirre, Regionaldirektor des Internationalen Währungsfonds. Gegen derartige Instabilität helfen nur langfristige Investitionen in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur.