Mit Bio gegen die Krise

Das Urteil hält sich hartnäckig: Ein weltweites Klimaschutz-Regime muss scheitern, weil vor allem die Entwicklungsländer auf ihr Recht auf Entwicklung pochen. Doch können die armen und ärmsten Länder der Welt tatsächlich nur zu Lasten des Klimas wachsen?

Nicht unbedingt, schreibt die Handelorganisation der Vereinten Nationen (Unctad) in ihrem Bericht "Promoting Poles of Clean Growth". "Wenn die Entwicklungsländer mehr Wert auf qualitatives Wachstum legen und alte Strukturen aufbrechen, ist auch klimaschonendes Wachstum möglich", sagt der Nachhaltigkeitsexperte der Organisation, Ulrich Hoffmann. Auf drei Feldern sieht die Organisation Handlungsbedarf. Zum einen müssten vor allem die ärmeren Länder ihre Fabriken und Maschinen energieeffizienter machen und die erneuerbaren Energien ausbauen. Die größten Effekte versprechen sich die Forscher jedoch durch einen Umbau der Landwirtschaft.

Zwei Zahlen zeigen warum: In den ärmsten Ländern der Welt leben rund 70 Prozent der Menschen vom Ackerbau. Zugleich entstehen 30 Prozent aller Treibhausgase weltweit in der Landwirtschaft und durch den Umbruch von Ackerflächen. Würden die Entwicklungsländer beginnen, weniger Dünger und Pestizide einzusetzen und ihre Landwirtschaft auf Ökolandbau umzustellen, wäre der Effekt für das Klima enorm.

Hierdurch würden sich nach Meinung der Forscher auch die Einkommen in den armen Staaten verbessern. "Studien der Vereinten Nationen in Afrika haben gezeigt, dass Bio-Farmen dort weitaus höhere Mengenerträge einfahren als konventionelle Farmen, weil sie effizienter arbeiten", sagt Hoffmann. Den Einwand, mit Bioanbau lasse sich die Weltbevölkerung nicht ernähren, hält der Experte für unbegründet. In Ländern wie Tansania habe sich gezeigt, dass die Versorgung der Nahrungsmittelversorgung gesichert sei, selbst wenn die Landwirtschaft komplett auf Biolandbau umgestellt werde.

Zudem plädiert die Unctad dafür, die erneuerbaren Energien auszubauen. Die Organisation favorisiert dezentrale Lösungen, wie etwa Solarstrom-Anlagen für den Selbstverbrauch. "Wir müssen lokale Wachstumskerne schaffen, damit sich die Wirtschaften aus eigener Kraft nach oben schrauben können", sagt Hoffmann. Er verweist auf die Erfolge der Grameen-Shakti-Initiative in Bangladesh. Mit Hilfe von Mikrokrediten der Bank des Nobelpreisträgers Mohammad Yunus konnten sich die Menschen dort bereits mehr als 200.000 Mini-Solaranlagen aufs Dach packen. Jeden Monat kommen 8.000 dazu. Die Menschen sparen teuren Sprit für Dieselaggregate und schonen das Klima.

 

Umsonst wird der Wandel jedoch nicht zu haben sein. Eine konkrete Zahl nennt die Unctad in dem Bericht nicht. Hoffmann verweist stattdessen auf die Einsparungen, die in Zukunft entstehen. Wer auf Ökostrom und Energieeffizienz setze, spare viel Geld, erst recht, wenn der Ölpreis wieder steige, sagt der UN-Experte. Finanziert werden könnte der Umbau der Wirtschaft etwa durch eine Ökosteuer. Auch eine Abgabe auf Flugbenzin befürwortet die Unctad.

Vor allem aber drängt die Organisation darauf, die Steueroasen zu schließen. Weltweit sei sehr viel freies Kapital auf der Suche nach attraktiven Anlagenformen, heißt es in dem Bericht. Auch wenn sich mit Energieeffizienzmaßnahmen Renditen im zweistelligen Bereich erzielen ließen – gegen die Gewinnmargen von Hedgefonds könnten sie nicht mithalten, sagt Hoffmann. Auch eine Finanztransaktionssteuer halten die Experten der Unctad für hilfreich. Mit den Einnahmen könnten in den Entwicklungsländern grünes Wachstum stimuliert und die Folgen des Klimawandels gemildert werden.

"Der Staat muss wieder präsenter sein", sagt Hoffmann. Für ihn ist das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz ein Paradebeispiel für staatliches Eingreifen: Der Staat gibt den gesetzlichen Rahmen zur Förderung von regenerativen Energien vor. Die Finanzierung stemmt jeder Stromkunde in Form einer Umlage. Stärkeres Engagement fordert die Unctad auch von Unternehmen, die Umwelttechnologien entwickeln und herstellen. "Es ergibt für sie wirtschaftlich Sinn, sich in erneuerbare-Energien-Projekten in Entwicklungsländern zu engagieren", schreibt die Unctad. "So erschließen sich neue Exportmärkte."

Das klingt beim deutschen Siemens-Konzern ähnlich. Bereits jetzt erwirtschaftet das Unternehmen ein Drittel seines Gesamtumsatzes mit Umwelttechnologien wie Windrädern und sparsamen Motoren. "Wir sind dort präsent, wo Siemens die Zukunftsmärkte erwarten", sagt Sören Buttkereit, Leiter der Abteilung Nachhaltigkeit bei Siemens. Für den Siemens-Konzern sind das dank attraktiver Förderung und Wachstumsfantasien neben den USA vor allem die sogenannten BRIC-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien und China.

In Afrika tut sich der Konzern hingegen noch schwer. Bislang spielt der Kontinent für Siemens kaum eine Rolle – auch wenn die Unctad von den Exportchancen schwärmt. Die Siemens-Tochter Osram wollte etwa unlängst am Victoria-See Solarlampen einführen – und scheiterte dabei kläglich.