Klimawandel und Öko-Krisen zeigen, dass unser bisheriges, auf Wachstum begründetes Entwicklungsmodell seine Grenzen erreicht. Und auch für die Armutsbekämpfung taugt es langfristig nicht. Abhilfe sollen moderne Nachhaltigkeitskonzepte schaffen. Aber wie schaut so ein Konzept überhaupt aus? Wie kann es erreicht werden? Die heute bekannten Modelle lassen sich zumeist drei Kategorien zuordnen. Es ist zum einen das Ersetzen von quantitativem Wachstum durch qualitatives Wachstum, also die Entkoppelung von Ressourcenverbrauch durch Steigerung der Effizienz. Eine weitere Option ist Nullwachstum, beispielsweise in der Art der vom Umweltökonomen Herman Daly skizzierten Steady-State Economy. Als Drittes gäbe es noch die Schrumpfung, dieses unter der Annahme, dass die Tragfähigkeitsgrenzen bereits überschritten worden sind.

Die Idee eines qualitativen Wachstums entpuppt sich dagegen bei näherer Betrachtung als Illusion, die jenen als Ausrede dient, die entweder einen Strukturwandel aus eigenen Interessen verschleppen wollen oder von einem starken Glauben an unsere technische Innovationskraft beseelt sind. Relative Entkoppelung, also eine Reduktion des Verbrauchs von Energie und auch von bestimmten Naturressourcen pro Einheit des Bruttoinlandsproduktes, findet in vielen Ländern zwar statt. Allerdings werden die Effizienzgewinne durch zusätzlichen Konsum und Schaffung neuer Produktionsstrukturen wieder zunichte gemacht. Auch entstehen im Rahmen technischer Innovationen oft zusätzliche Abfallstoffe, die das Konsistenzprinzip untergraben. Generell werden Effizienzgewinne in einzelnen Ländern global durch Bevölkerungswachstum und steigenden Lebensstandard aufgebraucht.

Ist es wünschenswert und möglich, den absoluten und wachsenden Ressourcenverbrauch durch Einführung von Obergrenzen zu stabilisieren oder zu reduzieren? Im Sinne globaler Gerechtigkeit wäre ein globales Nullwachstum (die Steady-State Economy) weder ethisch akzeptabel noch in Ansätzen umsetzbar, da es den Entwicklungsländern ein unzumutbares Opfer abverlangt. Stattdessen müsste, ähnlich den Absichten der internationalen Klimapolitik, eine absolute Reduktion des Ressourcenverbrauchs in Industrie- und Schwellenländern beginnen, während Entwicklungsländer eine gewisse Zeit ihren Ressourcenverbrauch weiter steigern dürften. Obwohl theoretisch denkbar, erweist sich globales Nullwachstum wegen der strukturellen wirtschaftlichen Abhängigkeit von Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern als unmöglich. Ein Schrumpfungsprozess oder auch nur schwächeres Wachstum in Industrie- und Schwellenländern würde zwangsweise zu einer Verringerung beispielsweise von Rohstoffimporten führen, während Direktinvestitionen in Entwicklungsländern abnehmen könnten. Ein Schrumpfungsprozess in Industrieländern würde auch das Wachstum in Entwicklungsländern reduzieren.

Zur Erreichung einer nachhaltigen Entwicklung wäre ein globaler Schrumpfungsprozess hingegen genau das Richtige. Das damit verbundene Dilemma hat Tim Jackson, Regierungsberater des britischen Premiers Gordon Brown, auf den Punkt gebracht: "Wachstum ist nicht nachhaltig, Nicht-Wachstum führt unter den jetzigen Rahmenbedingungen zu gesellschaftlicher Instabilität.“ Je früher allerdings mit einer freiwilligen Schrumpfung begonnen würde, desto mehr Gestaltungsmöglichkeiten blieben für die Minderung einer eintretenden gesellschaftlichen Destabilisierung.

Weil Schrumpfung weniger Konsum bedeutet, heißt dies auch weniger Produktion, weniger Arbeit und weniger Einkommen, was wiederum weniger Konsum bedeutet. Schrumpfung ohne gerechte Umverteilung von Arbeit und Einkommen würde zu gesellschaftlichen Unruhen führen. Es müsste daher eine Balance zwischen Eigen- und Fremdversorgung innerhalb regionaler Wirtschaftskreisläufe erreicht werden, welche weniger einkommens- und damit auch wachstumsabhängig wären. Dazu gehörte auch eine mit einem gegen Null tendierenden Zinsniveau ausgestatte Währung nach dem Vorbild vieler bestehender Regionalwährungen, die eine Akkumulation von Kapital mangels Anreiz verhindert.

Welche Chancen hat ein solcher Ansatz, der vielen Post-Materialisten so wünschenswert erscheint? Bundeskanzlerin Merkel hat mehrfach betont, dass es einen Alleingang in Richtung Nachhaltigkeit nicht geben wird. Global wäre damit nichts gewonnen, da der Rest der Welt weiter wachse. Ja, er würde Deutschland im internationalen Wettbewerb benachteiligen. Eine globale Lösung im Rahmen einer internationalen Konvention erscheint extrem unrealistisch, denn wer sollte dafür schon eintreten? Zudem hat die Klimakonferenz in Kopenhagen jüngst gezeigt, dass ein vom Konsensprinzip geleitetes und auf Einschränkung der Nationalstaaten zielendes globales Regime wenig Erfolg versprechend ist. Zu unbequem ist die Wahrheit, dass wir über unsere Verhältnisse leben und nur Verzicht eine nachhaltige Entwicklung wieder möglich machen kann.

Sollen wir aber wegen des gesellschaftlichen Beharrungspotenzials offenen Auges und mit Vollgas, befeuert von Wachstumsbeschleunigungsgesetzen, Hand in Hand mit dem Rest der Welt, vor die Wand fahren? Natürlich nicht, aber für das Wohlergehen heutiger und zukünftiger Generationen brauchen wir eine Politik, die ihre Entscheidungen auf Erkenntnissen aller Wissenschaftsdisziplinen begründet und die sich nicht einseitig von den Wirtschaftsweisen und kurzfristig denkenden Lobbyisten leiten lässt.