Innerhalb eines Jahres hat sich die Welt von Wanderarbeiter Wang Chunqiao in Chinas südlicher Metropole Shenzhen ins Gegenteil verkehrt. "Im vergangenen Jahr bin ich aus Sorge, meinen Job zu verlieren, zum chinesischen Neujahrsfest nicht nach Hause gefahren", erzählt der 26-jährige. "In diesem Jahr sprechen mich die Personalrekrutierer auf der Straße an." Auf den Jobbörsen, auf denen die Firmen an kleinen Ständen über freie Stellen samt Gehalt und Extras informieren, sei kaum etwas los, berichtet der drahtige junge Mann aus der zentralchinesischen Provinz Hubei. "Die Medien berichten groß darüber, vielleicht kommen nun doch noch einige Stellensuchende", lacht Wang. "Die Firmen locken ja mit höheren Gehältern."

In Chinas Industriehochburgen in den südlichen und östlichen Küstenregionen suchen die Unternehmen verzweifelt nach Arbeitskräften. An den Bahnhöfen warten Personalbeauftragte, gekleidet in "Willkommen"-T-Shirts, auf die aus ihrer ländlichen Heimat zurückkehrenden Wanderarbeiter. Sie werben nicht nur mit höheren Fixgehältern um die Arbeiter, sondern bieten dazu kostenlose Weiterbildungen und Geburtstagsgeld. Denn das Geschäft brummt: Offiziellen Angaben zufolge sind die Exporte im Dezember letzten Jahres nach 14-monatiger Talfahrt erstmals wieder kräftig gestiegen. Mit rund 130 Milliarden US-Dollar erreichte ihr Volumen das Niveau vom Beginn des Jahres 2008. Eine Folge davon: Allein im südchinesischen Perlflussdelta um die Stadt Guangdong fehlt es Chinas Medien zufolge an zwei Millionen Produktionskräften.

Anders als bei Chinas erster "Arbeiterdürre" – so die Bezeichnung der chinesischen Presse – im Jahr 2004 mangelt es nicht nur an qualifizierten, sondern vor allen Dingen an einfachen Arbeitern. Die Branchen Textilindustrie, Schuhproduktion und Maschinenbau sind laut Angaben der lokalen Arbeitsstellen besonders betroffen. Reichen Chinas knapp 150 Millionen bäuerliche Migranten plötzlich nicht mehr aus, um die Nachfrage der Unternehmen zu decken?

Offenbar müssen die Menschen nicht mehr in die boomenden Industriezentren ziehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Gehälter in mittelgroßen Städten unweit seines Heimatdorfes sind im letzten Jahr um knapp zehn Prozent gestiegen, erzählt Wang. Ähnliches hört er auch von Bekannten aus anderen Regionen. "Dort sind die Lebenshaltungskosten niedriger als in den großen Metropolen", sagt der Wanderarbeiter, "und man ist näher bei den Eltern und wie bei mir dem eigenen Kind."

Während der Wirtschaftskrise hat China durch Investitionen in Infrastrukturprojekte seit November 2008 zahlreiche neue Arbeitsplätze auch auf dem Land geschaffen. Auch die langjährige Strategie der ländlichen Industrialisierung – Ansiedlung von Unternehmen durch Steueranreize und Ausbau des Transportwesens – trägt mehr und mehr Früchte. "Unsere Generation ist auch besser ausgebildet als die älteren Wanderarbeiter", sagt Wang, der einen Oberschulabschluss hat, "wir wollen uns nicht mehr für nur 700 Yuan (umgerechnet 70 Euro) in der Fremde kaputt arbeiten."

Er selbst hat vor acht Jahren als einfacher Fabrikarbeiter angefangen. Heute ist er Kundenvertreter bei einem Zeitungsverlag. "In ein oder zwei Jahren will ich in der Nähe meiner Eltern eine Stelle suchen", sagt der junge Familienvater, "dort kann ich mir dann eine Wohnung leisten, hier in Shenzhen ein Leben lang nicht."

Wenn mehr und mehr Wanderarbeiter so denken wie Wang, dann geht dem chinesischen Wachstumsmodell bald der Dampf aus. Denn die Arbeitskosten werden weiter steigen: Für dieses Jahr haben fast alle größeren Städte Chinas, darunter auch Shenzhen und Guangdong angekündigt, den Mindestlohn um zehn Prozent zu heben. In den südchinesischen Städten Dongguan und Zhongshan sind die Reallöhne für einfache Arbeiter nach einem Bereicht der Zeitung Nanhuadushibao im Januar um 20 Prozent in die Höhe geschnellt.