Bedarf an Großkraftwerken sinkt – Seite 1

Es war ein gutes Wochenende für die Ökostrom-Lobby: Weil das Orkantief Xynthia über Europa fegte, produzierten allein die Windräder in Deutschland in der Nacht zum Montag bis zu 19.600 Megawattstunden Ökostrom. Das war so viel Strom, dass sogar der Preis an der Strombörse in Leipzig unter Null rutschte. Die Energieversorger bezahlten in der Nacht 18,10 Euro für jede Megawattstunde, die ihnen die Kunden abnahmen. Mehr als eine halbe Million Euro kostete das die Firmen, die üblicherweise mit Strom Geld verdienen.

Das Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) hat nun eine Studie vorgestellt, die solche Ökostrom-Schwankungen auf das Jahr hochrechnet. Die Forscher treffen im Auftrag des Bundesverbands Erneuerbare Energien für das Papier zwei Annahmen: Erstens gehen sie davon aus, dass in zehn Jahren Wind, Sonne, Biomasse und Wasserkraft rund 47 Prozent des Strombedarfs decken. Zweitens nehmen sie an, dass der Wind im Jahr 2020 ähnlich stark weht wie im Jahr 2007. Wie viel Strom könnten die regenerativen Energien in diesem Fall zuverlässig liefern? Und wo kommt es zu Schwankungen in der Versorgung?

"Bei stündlicher Betrachtung decken die erneuerbaren Energien zwischen 15 und 110 Prozent des gesamten Strombedarfs ab", sagt Michael Sterner, Leiter der Gruppe Energiewirtschaft und Systemanalyse. Auch wenn man das Stromangebot über das Jahr betrachte, ergebe sich eine gute Korrelation. Anders sei das jedoch, betrachtet man die Strombilanz im Wochentakt. "Dann kommt es zu starken Fluktuationen", sagt Sterner. Unter dem Strich könne Ökostrom eine konstante Grundlast von mindestens 15 Prozent liefern.

Sterner zieht daraus den Schluss: "Der klassische Grundlastbereich für konventionelle Kraftwerke löst sich auf." Was die deutsche Stromwirtschaft in Zukunft benötige, seien "flexible Kraftwerke für die Mittel- und Spitzenlast, die schnell an- und abgefahren werden können".

Die Annahmen der Fallstudie, die Sterner und sein Team treffen, sind allerdings extrem streng. Da ist zum einen das Ausbau-Szenario der Ökostrom-Lobby. Ihren Prognosen liegt noch der Atomausstieg zugrunde. Der Bundesverband Erneuerbare Energien betont immer wieder, dass sich diese Zahlen ändern könnten, falls die Atomkraftwerke tatsächlich länger laufen. Auch die Kürzung der Solarstromvergütung sorgt für Unsicherheit unter den Investoren. Vielleicht kommt der Ausbau von Wind-, Solar- und Biomasse doch nicht so schnell voran wie geplant.

Zudem betont das IWES, dass ein Ökostrom-Anteil von rund 50 Prozent ohne Stromspeicher und den In- und Export von Strom nicht gelingen wird. Doch gerade das sind zurzeit noch enorme technische und politische Herausforderungen: Der europäische Netzausbau kommt bislang nur schleppend voran. Ob Deutschland überschüssigen Windstrom in Pumpspeicherkraftwerken in Skandinavien und den Alpen tatsächlich zu wirtschaftlich sinnvollen Preisen speichern kann, ist ebenfalls noch offen.

 

Die Botschaft ist daher vor allem eine politische: Die Bundesregierung diskutiert derzeit hinter den Kulissen ihr energiepolitisches Grundsatzkonzept. Im Oktober will sie einen Fahrplan für den Ausbau erneuerbarer Energien und für die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke vorlegen.

"Jede Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken und jeder weitere Zubau von Kohlekraftwerken führt bereits innerhalb der nächsten zehn Jahre zu einem Überangebot von Strom", sagt Rainer Baake, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, die die Studie am Montag vorstellte. In den vergangenen zehn Jahren seien Braun- und Kohlekraftwerke mit einer Leistung von rund 15.600 Megawatt ans Netz gegangen oder modernisiert worden. Aktuell befänden sich nach Recherchen der Umwelthilfe zehn fossile Kraftwerke mit einer Leistung von rund 11.400 Megawatt in Bau.

Selbst für neue Gaskraftwerke, die Energieexperten favorisieren, weil sie kurzfristig anfahrbar sind und so Schwankungen des Ökostromangebots ausgleichen können, sieht Baake bis 2020 keinen Bedarf. Der Bedarf an Spitzenlast im Jahr 2020 liege bei etwa 20.000 Megawatt. Schon heute seien Gaskraftwerke mit einer Leistung von 22.000 Megawatt am Netz. "Je weiter der Ausbau der erneuerbaren Energien vorankommt, umso mehr wird sich der Systemkonflikt zwischen variabler Einspeisung von Wind- und Solarstrom und inflexiblen Großkraftwerken zuspitzen", sagt Baake.