Im gesamten Euroraum wächst die Angst vor einer Kreditklemme für Firmen. Doch Bundesregierung und die deutsche Wirtschaft geben Entwarnung. Sie sehen zur Zeit keine grundsätzlichen Probleme für Unternehmen, an neues Geld zu kommen. "Es gibt keine flächendeckende Kreditklemme", sagte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) nach einem Spitzentreffen mit den Wirtschaftsverbänden in Berlin. Allerdings sei "Wachsamkeit" gefordert. Der Präsident des deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, sagte, eine Kreditklemme sei zwar nicht gegeben. Es sei aber eine "Hab-Acht-Stellung" vonnöten.

Brüderle forderte die Banken und Sparkassen auf, ihre Spielräume bei der Kreditvergabe zu nutzen. "Die Bundesregierung wird nicht den Job der Banken machen", sagte der Minister. Auch der Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Jörg Asmussen, sagte, das derzeit hohe Engagement des Staates für die Finanzierung von Unternehmen könne "keine Dauerlösung" sein.

ZEIT ONLINE klärt die wichtigsten Fragen:

Was ist eigentlich eine Kreditklemme?

Vereinfacht gesprochen: Eine Krise, die dadurch verursacht wird, dass Banken keine oder nur sehr teure Kredite vergeben. Die Kreditinstitute sind dann derart nervös, dass sie ihre Kreditkonditionen drastisch verschärfen. In Abschwungphasen ist das bis zu einem gewissen Grad auch rational: Derzeit stecken viele deutsche Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten, weil Aufträge und Kunden ausbleiben. Ein vernünftiger Banker sollte bei der Kreditvergabe an solche Firmen vorsichtig sein, weil er sonst Verluste riskiert. Problematisch wird es erst dann, wenn auch exzellente Schuldner kein Geld mehr bekommen. Selbst Kredite für lukrative Geschäfte fließen dann nicht mehr oder sind exorbitant teuer. Es droht eine verheerende Spirale: Die Firmen können weniger investieren, ihre Bonität verschlechtert sich weiter und sie kommen noch schwerer an Kredite.

Ist es in Deutschland schon so weit?
Nein, auch wenn die Zahlen das nahe legen. Im letzten Quartal 2009 haben deutsche Banken rund 18 Prozent weniger Darlehen an Unternehmer und Selbstständige vergeben als noch im Vorjahr, schätzt die staatliche Förderbank KfW. Im ersten Quartal könnte das Kreditvolumen noch mal sinken. Das Problem ist nur: Den Statistikern fällt es schwer zu sagen, woran das liegt. Viele Ökonomen glauben, dass die Unternehmen schlicht weniger Kredite nachgefragt haben, weil sie aufgrund der schwachen Auftragslage weniger in neue Maschinen und Produkte investieren.

Für diese These sprechen einige Indizien. Das Ifo-Institut fragt zum Beispiel jeden Monat 7000 deutsche Unternehmen, ob sie die Kreditvergabe als restriktiv empfinden. Im Februar antworteten 39,9 Prozent der Befragten Unternehmer mit Ja, etwas weniger als noch im Januar und noch weniger als im langjährigen Durchschnitt. Im Sommer 2003, als das Wort Kreditklemme nahezu unbekannt war, lag der Wert bei 63,4 Prozent. Auch die Bundesbank kam zuletzt zum Ergebnis, dass die Institute ihre Konditionen für die Kreditvergabe nicht mehr verschärft haben.

Warum lädt die Regierung dann zum Krisengipfel ins Kanzleramt?

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) warnt seit kurzem vor einer breitflächigen Kreditklemme. Auch die Europäische Kommission fürchtet sie, genauso wie viele Ökonomen. "Im Frühjahr und Sommer wird sich entscheiden, ob es zu einer Kreditklemme kommt", sagt Michael Schubert, Analyst bei der Commerzbank. Zwei Faktoren könnten dann zusammen kommen: Die Wirtschaft erholt sich langsam wieder und die Unternehmen wollen wieder stärker investieren – die Kreditnachfrage steigt. Gleichzeitig drohen den Banken weitere Belastungen ihres Eigenkapitals, weil sie etwa griechische Staatsanleihen oder Kredite maroder Firmen niedriger bewerten oder abschreiben müssen. Zudem wissen die Institute noch nicht, wie hoch die Eigenkapitalquote ist, die ihnen die Politik als Mindestgrenze auferlegen wird. Deshalb bremsten sie ihre Kreditvergabe, argumentieren einige Banker. Alles zusammen könnte dazu führen, dass die Institute in den nächsten Monaten wieder restriktiver Kredite vergeben.

Was für Folgen hätte das?

Schon jetzt spricht vieles dafür, dass sich Deutschland auf eine längere Phase schwachen Wachstums einstellen muss. Im vierten Quartal 2009 etwa wuchs die Wirtschaft überhaupt nicht. Im Januar sind die Exporte im Vergleich zum Vormonat um 6,3 Prozent eingebrochen – so stark wie zuletzt vor einem Jahr. Das alles sind schlechte Vorzeichen für das laufende Jahr. Manche Unternehmen wollen aber genau jetzt investieren, um auf die Zeit nach der Krise vorbereitet zu sein oder um schwächeren Konkurrenten Marktanteile abzujagen. Sie können das Wachstum antreiben – allerdings nur, wenn sie an Kapital kommen. Drehen die Banken den Geldhahn zu, wird auch diese Konjunkturhoffnung zunichte gemacht.

Was kann die Politik tun?


Der Bund könnte zum Beispiel die Basel-II-Regeln in diesem Jahr lockern. Das fordert der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Basel II schreibt den Banken vor, wie viel Eigenkapital sie vorhalten müssen, wenn sie Kredite an Unternehmen vergeben. Das Problem daran ist, dass die Regeln prozyklisch wirken: Befindet sich die Wirtschaft im Aufschwung, steigt die Bonität der Unternehmen, die Risiken der Kritikvergabe sinken. In Krisenzeiten läuft es genau anders herum. Die Banken fordern außerdem neue Staatsgarantien für die sogenannten Verbriefungsgeschäfte. Die Institute bündeln dabei Forderungen aus Krediten in Paketen und verkaufen sie an Investoren. Das Argument der Banker: Bürgt der Staat für diese Geschäfte, hätten die Banken mehr Luft in ihrer Bilanz, um den Mittelstand zu finanzieren. Politisch dürfte das jedoch kaum durchsetzbar sein.